Der Begriff der Befreiung sollte über die Fixierung auf die Vergangenheit hinweghelfen

Von Alfred Grosser

Die Diskussion um den 8. Mai wäre nicht so schwierig, wenn sie nicht mit der gesamten deutschen Problematik von heute verbunden wäre. Die Fragen nach Feiern oder Nicht-Feiern, nach dem Was-Feiern und dem Mit-wem-Feiern sollten eigentlich nicht so schwer zu beantworten sein. Sie sind es jedoch, denn die Antworten zeigen, daß die Vergangenheit die deutsche Gegenwart viel direkter und entscheidender bestimmt als die britische, die französische und die italienische.

Den Bürgern der Bundesrepublik sollte klar sein, was Bundespräsident Scheel in seiner Rede zum 30. Jahrestag gesagt hat: „Am 8. Mai 1945 brach das nationalsozialistische Regime endgültig zusammen. Wir wurden von einem furchtbaren Joch befreit, von Krieg, Mord, Knechtschaft und Barbarei. Und wir atmeten auf, als das Ende kam ... Aber am 8. Mai fiel nicht nur die Hitler-Diktatur, es fiel auch das Deutsche Reich. Das Deutsche Reich war kein Werk Hitlers. Es war der Staat der Deutschen.“ Also: Befreiung und nationale Katastrophe zugleich.

Der Begriff der Befreiung sollte zu einem gemeinsamen Feiern führen – gemeinsam besonders mit Frankreich. Dies erlaubt, ja fordert sogar die französische Verfassung. Deren Präambel lautet: „Au lendemain de la victoire remportee ... sur les regimes qui ont tente d’asservir et de degrader la personne humaine“ – der Sieg ist nicht über die deutsche Nation oder das deutsche Volk errungen worden, sondern über ein Menschen versklavendes und entwürdigendes Regime. Dieses Regime hat Hunderttausende von Deutschen umgebracht oder in KZs gesteckt und Tausende von Franzosen als Mittäter gehabt. Die Wiedergeburt der Freiheit ist wirklich gemeinsam zu feiern.

Das heißt allerdings, daß man anerkennt, wie es alle Bundespräsidenten und Bundeskanzler getan haben, daß die deutsche Katastrophe schon 1933 begonnen hat und nicht erst 1945. Das schmerzt viele Deutsche, nicht nur aus schlechten Gründen (man will an den Konsequenzen nicht zu tragen haben), sondern auch aus sehr verständlichen Erwägungen. Zum 30. Januar 1973 brachte die Frankfurter Allgemeine eine sehr treffende Karikatur: Durch das Brandenburger Tor zog ein Fackelzug von SA und HJ; ihnen folgte die Rote Armee auf den Fersen.

Die Rote Armee von Hitlers Kriegslüsternheit hereinbeschworen: Ja. Die Rote Armee aber als Symbol der Befreiung? Das sowjetische Volk war von Hitler befreit – aber frei war es nicht. Frei ist auch nicht das Volk in der DDR. Und das deutsche Volk in Pommern und Schlesien durfte 1945 gewiß nicht eine neue Freiheit in seiner Heimat genießen.