Daidalos, „kunstreicher“ Sohn des Metion und Vater des unglücklich vom Himmel stürzenden Ikaros, ist Sinnbild eines genialen Künstlers und Erfinders, dessen menschliche Qualitäten mit seinen überragenden Fähigkeiten nicht Schritt halten. Erfolgreich und beliebt bei den Mächtigen, tötet er seinen als Konkurrenz gefürchteten Neffen. Der Verlust seines eigenen Kindes erscheint ihm daher als Strafe und verdüstert sein Genie, das lebensechte Statuen, die Kuh der Pasiphae, den Tanzplatz der Ariadne, das Labyrinth des Minotaurus und die erste Flugmaschine des Menschen schuf.

Gerhard Holtz-Baumert schrieb eine moderne Nacherzählung des antiken Sagenstoffes. Klaus Ensikat hat sie illustriert –

Gerhard Holtz-Baumert (Text) und Klaus Ensikat (Ill.): „Daidalos und Ikaros“; Beltz Verlag, Weinheim; 63 S., 16,80 DM.

Ein hochkarätigeres Team gegenwärtiger DDR-Kinder- und Jugendliteratur läßt sich kaum denken. Holtz-Baumert ist seit vielen Jahren anerkannter und einflußreicher Autor, Theoretiker und Funktionär, seit kurzem Vorsitzender des Deutschen Schriftsteller-Verbandes. Ensikat gehört zu den wenigen in Ost wie West hochdekorierten, weltweit bekannten Kinderbuch-Illustratoren von künstlerischem Rang.

Von allen denkbaren Bearbeitungsarten alter Volksliteratur wählt Holtz-Baumert die zwar unspektakulärste, für den Autor aber gewiß nicht einfachste. Er bleibt eng am überlieferten Mythos, vertieft den Charakter des Daidalos psychologisch und verweilt ausführlich bei einigen Unwahrscheinlichkeiten, die sagenungewohnte Leser stutzen lassen könnten. Wozu die in einen Stier verliebte Frau des Minos eine Kuhattrappe benötigt, muß der Leser allerdings trotz deutlicher Hinweise selber herausfinden. Eine aktionsreiche Mischung von Tatkraft, gutem Willen und menschlichen Schwächen des antiken Helden steht im Vordergrund der teils zögernd, teils rasch fortschreitend erzählten Handlung.

Ensikats ganzseitige, traumhaft sicher gestaltete, blaß kolorierte Graphik lebt vom Gegensatz zwischen dem Ambiente der Antike und den darin versteckten Irritationen erfindungsreicher, zukunftsweisender Mechanik und Technik.

Treibriemen und Zahnrad bestimmen die Werkstatt, in der Daidalos aufwächst. Die verführerische Kuh der Pasiphae hat ein modernes Getriebe. Dabei verzichtet der Illustrator auf sein herausragendes Stilmittel der letzten Jahre, überwindet es vielleicht am antiken Stoff. Er karikiert nicht mehr, stellt nicht bloß, indem er bekannte Attribute eines Motivs, einer Epoche ironisch überhöht in der Illustration zitiert. Der dem Betrachter zugewandte Rückwärtsblick des Minotauros im Labyrinth signalisiert mitleiderregende Angst gequälter Kreatur. Der Sturz des Ikaros symbolisiert trotz oder gerade wegen formaler Anspielungen an heutige Flugzeuge eher Tragik als Elend und Komik menschlichen Tuns.

Ensikat und Holtz-Baumert ist es, gelungen, einen antiken Helden vom Marmorpodest zu holen, ohne ihm seine Größe zu nehmen. Mögen Fachleute analysieren, warum DDR-Autoren und -Illustratoren öfter klassisches Erzählgut zur Vorlage wählen als ihre bundesrepublikanischen Kollegen; die Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen hierzulande können sich an dieser Lizenzausgabe ganz vorbehaltlos erfreuen. Birgit Dankert