Europa ist besser als sein Ruf, aber es hat dennoch sehr viel nachzuholen

Von Dieter Buhl

Wann immer sich die Europäische Gemeinschaft Großes vornimmt, ist die Luft von kleinlichem Gezänk erfüllt. Jeremiaden nationaler Eigensucht erklangen noch bei jedem Neuordnungsversuch. Sie begleiten jetzt auch die Aufnahmeverhandlungen mit Spanien und Portugal. Selbst wer berücksichtigt, wie nachhaltig jede Veränderung des Status quo die Interessen der EG-Mitglieder berühren kann, muß enttäuscht sein über das ewige Lamentieren. Das Wehgeschrei erinnert ihn stets neu daran, daß Solidarität im europäischen Verbund noch immer klein geschrieben wird und Jean Monnets Vermächtnis weiterhin unberücksichtigt bleibt. Zu der Großzügigkeit, die der Ur-Europäer zur Vorbedingung der Vereinigung erhob, können sich die europäischen Staatsmänner bis heute nicht durchringen.

Weil die Gemeinschaft immer mehr einem orientalischen Basar gleicht, in dem um Agrarpreise oder Stahlquoten oder Fischereirechte gefeilscht wird, hält sich die Begeisterung für europäische Angelegenheiten verständlicherweise in Grenzen. Zwar befürwortet nachweislich eine wachsende Mehrheit der EG-Bürger die Zukunft in einem vereinten Europa – seinem gegenwärtigen Zustand aber kann sie nichts abgewinnen. Verdrossenheit ist die Folge, und sie macht auch vor den Redaktionen nicht halt. Dort kommt es bestenfalls zum großen Gähnen, öfter jedoch zu energischem Widerstand, sobald die EG zum Thema gemacht werden soll.

Dabei verdient die Gemeinschaft heute mehr Aufmerksamkeit als seit langem. Nicht wegen ihrer internen Beschwerden oder ihrer Wachstumsschmerzen. Da die Krise beinahe schon als europäisches Lebenselixier gilt, regt das gewohnte Krankheitsbild zu Recht niemanden mehr richtig auf. Wohl aber können uns die verheerenden Urteile von draußen um die Ruhe bringen. Wie niedrig Europa gehandelt wird, spiegelt sich in der internationalen Begriffswelt immer deutlicher wider. Wo „Europessimismus“ und „Eurosklerose“ gängige Etiketten werden, ist es bis zur Verachtung, ja Mißachtung der Alten Welt nicht mehr weit.

Zumal die Amerikaner, machen aus ihrer schwindenden Wertschätzung Europas kein Hehl. Die Beweise ihrer Unduldsamkeit mehren sich, wie sich erst jüngst wieder zeigte: Kaum beschwor die britische Premierministerin Margaret Thatcher in Washington die Gefahren des amerikanischen Budgetdefizits für die europäische Wirtschaft, da konterte Ronald Reagan, die Dollar-Stärke sei allein auf das Nachhinken der Handelspartner beim Wirtschaftswachstum zurückzuführen. Kaum beim deten einige europäische Regierungen ihr Interesse einer Forschungsbeteiligung beim geplanten Raketenabwehrsystem im Weltraum an, da winkte Verteidigungsminister Weinberger schon brüsk ab: Technologietransfer – nicht dran zu denken. Kaum wurden europäische Stimmen laut, die eine Zweibahn-Straße in der Rüstungsbeschaffung der Allianz verlangen, da beharrt das Pentagon nachdrücklich auf einem neuen Funksystem der Nato made in USA.

Respekt vor dem atlantischen Stützpfeiler Europa spiegelt solche Barschheit nicht. Eher erinnert sie an den Umgang antiker Mächte mit ihren fernen Provinzen. Andererseits: Sind den Amerikanern Ungeduld und Überheblichkeit eigentlich zu verdenken? Wie sollen sie, die neuerdings wieder vor Kraft und Optimismus überschäumen, die europäische Verzagtheit verstehen? Belegen nicht so viele Wirtschaftsindikatoren, daß sie, gleich den dynamischen Japanern, aber im Gegensatz zu den matten Europäern, im Einklang mit dem Zeitgeist sind? Haben sie nötig, die Nörgeleien und Bedenken aus Europa zu beachten, wo sie doch Amerikas Aufschwung täglich neu erfahren?