Von Ludwig Hang

Am 1. März 1935 kehrte das Saarland, damals Saargebiet, „heim ins Reich“. Nach dem verlorenen Weltkrieg anderthalb Jahrzehnte vom Deutschen Reich abgetrennt, politisch vom Völkerbund verwaltet, wirtschaftlich von Frankreich ausgebeutet, stimmten am 13. Januar 1935 90,8 Prozent der Bevölkerung für den Anschluß an Deutschland, 8,8 Prozent für den Verbleib unter Völkerbundverwaltung und 0,4 Prozent für den Anschluß an Frankreich.

Die Saarländer, eher schwankend im Gemüt als entschieden im Geist, waren seltsam gespalten zu dieser Zeit, hin und her gerissen zwischen Festigkeit und Verführung, mitten durch die Familien ging oft der Riß: Mein Vater, als Deutschnationaler, zog seine Kyffhäusermütze an und demonstrierte auf dem Ehrenbreitstein für diesen Anschluß an Deutschland; Onkel Otto, als Sozialdemokrat, steckte seine Nelke ins Knopfloch und protestierte in Sulzbach dagegen, und selbst heute noch, 50 Jahre später, zeigt sich diese einander widersprechende Gesinnung.

Nach Abschluß einer Artikelserie über den „Abstimmungskampf“ 1935 in der Saarbrücker Zeitung gab es Leserbriefe. Ein Mann schreibt: „Ich bin stolz auf alle Saarländer ... die an jenem Tag für das Deutsche Reich gestimmt haben.“ Ein zweiter meint: „Das Vaterland stand und steht bei allen Völkern über der Regierungsform.“ Eine Frau bekennt: „Ich bin stolz auf meine Eltern und alle Deutschen an der Saar, die sich dessen bewußt waren, daß diese Abstimmung nicht einfach eine Abstimmung für das Deutsche, sondern für das Hitlerdeutsche Reich war. Darum wählten die wirklichen Patrioten, die Hitler, seinen Faschismus und Krieg nicht wollten, Status quo.“

Die Ressentiments sind geblieben; in Jubiläumsreden, Dokumentationen, Ausstellungen, vor allem in Büchern zu diesem Ereignis spitzt sich die Konfrontation in der Frage zu: haben die Saarländer 1935 für Deutschland gestimmt wegen Hitler oder trotz Hitler?

Es ist schick in Deutschland, schwarzweiß zu zeichnen, alternativ zu denken, die Wahrheit entweder auf der einen oder auf der anderen Seite zu sehen; die Unversöhnlichkeit ist ein deutscher Zug. Ich neige dem französischen Relativismus zu, dem Sowohl-Als-auch Voltaires, der Philosophie der „petite difference“, die die Feinheiten der anmutigen Übergänge, der sanften Überschneidungen, der unmerklichen Überwindungen betont. Vauvenargues sagt: „Ein kleiner Unterschied der Organe, ein wenig mehr oder ein wenig weniger Galle...“ Wenn ich, zusammenfassend, alle Argumente und Gegenargumente, alle Sentiments und Ressentiments abwäge, finde ich diese mehrdeutige Ansicht in den hier zu nennenden Publikationen aufs vortrefflichste bestätigt.

So entschieden links, so notwendig zeit- und gesellschaftskritisch sich die Autoren auch des historischen Materials angenommen und vergewissert haben: nach der Lektüre ihrer Bücher ist mir klar geworden, daß die „Wahrheit“ über die Saarabstimmung, dieses „Wunder an der Saar“, ein Konglomerat von Vermutungen, Behauptungen, natürlich auch von Deutungsversuchen ist. Um sich allerdings des Saarländers und seiner Entscheidungen sicher zu sein, der kein Geschöpf des „Lieber tot als Sklave“, sondern immer ein Wesen der (auch vermeintlichen) guten Gelegenheit gewesen ist, bedarf es eher Blochscher Denkkategorien. Bloch sagt vom Menschen, er sei nicht dicht, ich meine, der Saarländer ist ein Musterbild dieses Menschen, in jeder Hinsicht. Er schlüpft oft im letzten Augenblick in die rettende Lücke, die sich dann auch als Mauseloch erweisen kann, in das die Kralle der Katze faßt.