Brighton ist wie eine extravagante Mätresse, wie eine Gespielin königlicher Gunst, die heute immer noch, soviel Jahre danach, kokett von der Romanze zehrt, die sie mal mit dem Prinzregenten George hatte. Blackpool hingegen, Blackpool ist wie eine Fabrikarbeiterin, die sich treu blieb. Eine ehrliche Haut, derb, herzlich und daran zu erkennen, daß sie ihre Fließbandblässe farbenfroh überschminkt: am Meer eine Fassade von fast 400 000 bunten Glühbirnen, dahinter das graue Reihenhaus-Layout der nordenglischen Industriestädte.

In meiner Jugend lag Blackpool in Radelreichweite. Alle meine Freunde waren scharf auf Wochenend-Trips nach Blackpool. Da die Eltern und Schwestern meinen Geschmack nicht teilten, zog ich schon als Zwölfjähriger manchmal auf eigene Faust nach Blackpool. Für meine arme Mutter waren die kleinen Abenteuerreisen ihres Sohnes besonders bitter. Jahrelang hatte sie mühe- und liebevoll versucht, mich für Messer und Gabel zu interessieren. In Blackpool aber, ihre Sorge war leider berechtigt, angelte ich mir mit fettigen Fingern heiße fish ’n’ Chips aus der Mord- und Totschlagseite des Daily Mirror.

Nicht minder berechtigt war ihre Angst, daß ich in frühreifer Ausübung eines altenglischen Ferienbrauchs „dirty postcards“, also mit ordinären Karikaturen bebilderte Karten, an die schockierbarsten meiner älteren Tanten schicken würde.

Beim jüngsten Besuch in Blackpool merkte ich freudig, daß derlei Bräuche nach wie vor gepflegt werden. Sie sind so unerschütterlich wie der rund 160 Meter hohe Blackpool Tower, ein naher Verwandter des Berliner Funkturms, der die Strandpromenade seit Ende des letzten Jahrhunderts überragt. Die bunten Kartengrüße, in jedem Andenkenladen zu kaufen, sind noch genauso dumm-keß wie zu meiner Zeit.

Einer ordinären Ferienkorrespondenz mit meinen deutschen Freunden stand deshalb nichts im Wege.

An die „liebe Gundula“ schrieb ich (die Postkarte zeigte eine, neben einem sichtbar abgeschafften Scheich, im Hotelbett liegende Blondine, die beim Zimmerservice einen Schlangenbeschwörer bestellt): „...Du mit Deinem hanseatischen Feeling für Style würdest hier in B. vieles genauso geschmacklos finden wie diese Postkarte. Zum Beispiel jene Plastikblumen, die in den Mähnen der scheckigen Gäule stecken, die schwarze Urlauberfiaker ziehen. Oder auch die geschmackliche Unbefangenheit meiner Wirtin: Zwei Wände des Frühstückszimmers hat sie kanariengelb, die beiden anderen heidekrautviolett tapezieren lassen. Ein Angriff auf Deine Sensibilität wären sicher auch die berühmten ‚Illuminations‘, die simplen Lichterszenen aus bunten Glühbirnen und Fiberglas an Fassaden und Laternenmasten. Und erst die Laserstrahlen, die den Nachthimmel wie ein schwarzes Samtkissen mit bunten Lichtfäden besticken. Das erste Anknipsen der Lichtschau ist ein feierlicher Akt wie’s Faßanzapfen beim Münchner Oktoberfest. Ehrengäste aus Bottrop waren zugegen. Die fühlten sich hier in B., ihrer Partnerstadt, pudelwohl wie auf Mallorca ...“

Mein „lieber Konrad“ bekam folgende Karte (vorne drauf ein wohlgeformtes, blondes Straßenmädchen, das mit Mönchen durch ein kleines rundes Loch in der Klostermauer kommuniziert): „...Gestern fegte eine von Windstärke neun gepeitschte Monstersee mit weißen, schäumenden Mähnen auf die drei Piers zu. Die Theater auf diesen multibeinigen Vergnügungsstegen sehen aus wie die Aufbauten eines Schiffes. Wenn Du am Ende so eines Piers über die Reling guckst, kommst Du Dir vor wie auf einem stabilen Dampfer mitten im Atlantik. Was für Dich Wagner in Bayreuth, ist dieser stürmische Meeresauftritt für die Leute hier. Anderen ist das Meer vollkommen egal. Denen würde es nicht mal auffallen, wenn sich die See bei Ebbe zurückziehen und für immer in Richtung Irland verschwinden sollte. Vor allem die „day trippers“, die Wochenendurlauber, sehen in B. weniger ein See- denn ein Gaudibad. Jede paar Meter hörst Du gelangweilte Bingo-Conferenciers die monotone Litanei der Glückszahlen runterleiern. Überall stößt Du auf Computertempel wie „Mr. B’s“, wo 200 Elektrospiele in einer einzigen Halle stehen...“