Von Uwe Knüpfer

Von diesen Studenten hat keiner länger als eine Woche nach einem Zimmer oder einer Wohnung suchen müssen. Nachdem im Lokalteil der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung gemeldet worden war, die ersten Studenten der Wirtschaftswissenschaften an der privaten Universität Witten/Herdecke seien eingetroffen, öffneten sich für die jungen Leute viele Türen wie von selbst.

Nun sitzen die 22 Wirtschaftskadetten im zweiten Stock eines ehemaligen Schulgebäudes und sprechen über das „Denken des Denkens“ und was Borgward damit zu tun hat. Aus München ist ein Philosophie-Dozent angereist, Eberhard Simons heißt er, und philosophengemäß fallen ihm seine rotblonden Haare wuselig in die Stirn. Man duzt sich. Simons zitiert Aristoteles.

Ganz in dessen Sinn will er, sagt er, seinen Zuhörern das „vorstellende Denken austreiben“, sie davor bewahren, sich die üblichen Scheuklappen ihrer Zunft aufzusetzen. Dabei kommt ihm die Erinnerung an den unternehmerischen Exitus von Borgward gerade gelegen. Als die Bilanzrelation des traditionsreichen Fahrzeugherstellers eines Tages dem Lehrbuchideal nicht mehr entsprach, bekamen es die Banken mit der Angst zu tun. Die Firma mußte Konkurs anmelden. So weit, so ganz normal. Doch dann erwies sich die Konkursmasse als ergiebig genug, die Forderungen aller Gläubiger zu hundert Prozent zu befriedigen. Ein an sich gesundes, nur kurzfristig nicht liquides Unternehmen wurde aus dem Markt gedrängt, und zwar nur deshalb, so meint der Philosoph, weil die Verantwortlichen in den Banken nicht fähig waren, über den Schatten ihrer eigenen Denkkategorien zu springen.

Wenn die 22 Wittener Privatstudenten dereinst selbst Wirtschaftskapitäne sein werden, soll ihnen so etwas nicht passieren. Nicht zu Spezialisten, die dem Fachidiotentum ja stets so nahe sind wie das Genie dem Wahnsinn, sollen sie hier ausgebildet werden, sondern zu einer „intellektuellen, lebenspraktischen und künstlerischen Elite“. So steht es im Gründungsexpose der Uni. Und deshalb lernen sie einmal pro Woche vier Stunden lang, im sogenannten Studium fundamentale, über den Tellerrand ihrer Disziplin hinauszuschauen. Alle Studenten und Dozenten der Abteilung treffen sich dabei zu einer Art Vollversammlung und beschäftigen sich anhand von Texten oder eines Gastvortrags mit Wissenschaftstheorie, Philosophie, Geschichte, Anthropologie, sozialwissenschaftlichen Grundfragen oder ökologischen Zusammenhängen. So wollen sie die vermeintliche geistige Enge des staatlichen Wissenschaftsbetriebes bei sich gar nicht erst entstehen lassen.

Die Kritik an der modernen Massenuni ist die eine der beiden Wurzeln des Universitätsvereins. Welcher Hochschullehrer in staatlichen Diensten führt nicht bittere Klage über die Anonymität des Lehrbetriebes, die nervenzehrende Allmacht der Bürokratie, die finanzielle und institutionelle Behinderung der freien Forschung? Einige schritten zur Tat, schlossen sich zunächst zur „Freien Europäischen Akademie der Wissenschaften“ mit Sitz im niederländischen Driebergen zusammen, gründeten schließlich den Witten/Herdecker Verein und wurden 1982 als Universität von der nordrhein-westfälischen Landesregierung anerkannt.

Die zweite Wurzel des Vereins war das Gemeinschaftskrankenhaus in Herdecke. Eine anthroposophische Klinik, orientiert am Gedankengut Rudolf Steiners, im Ruhrgebiet ein Mekka aller Freundinnen der „sanften Geburt“. Hier wird „Ganzheitsmedizin“ betrieben und seit 1983 eben auch gelehrt. Der Patient, sagen die Ärzte, ist hier keine Nummer, sondern ein Mensch, der Apparat ist ein Hilfsmittel im Heilungsprozeß, kein alles beherrschender Moloch.