Von Klaus Pokatzky

West-Berlin Auf bezahlte Zeitungsanzeigen könnte die CDU im Berliner Wahlkampf diesmal verzichten. Die Unionswerbung betreiben die örtlichen Blätter des Springer-Verlages, der den West-Berliner Zeitungsmarkt zu 80 Prozent beliefert, ausführlich im redaktionellen Teil – kostenlos. Seit Monaten erhalten die CDU-Senatoren Gelegenheit, in langen Artikeln die Arbeit der vergangenen vier Jahre darzustellen und sich als Vorkämpfer für Berlins wirtschaftliche, kulturelle und politische Zukunft zu preisen. Andere Beiträge legen den Verdacht nahe, als seien sie direkt in der CDU-Parteizentrale formuliert worden – nachgefragt wird von den Journalisten nicht.

Darüber stöhnen vor allem die oppositionellen Sozialdemokraten. Schließlich liest ihre Klientel zu einem großen Teil die Zeitungen, die direkt an der Mauer im Springer-Hochhaus an der Kochstraße redigiert werden: die BZ (Auflage 306 000), Berliner Morgenpost (155 000), Bild (142 000) und Welt am Sonntag (20 000).

Am vorletzten Wochenende haben die Blattmacher aus der Kochstraße den Wahlkampf vollends in ihre Hände genommen. Wenn es stimmt, daß Berlin die Entwicklungen in der Bundesrepublik stets ein wenig früher erlebt, dann läßt die nun ausgerufene Berliner Schlammschlacht Schlimmes für die Bundestagswahlen von 1987 befürchten.

Den Anfang machte die Morgenpost‚ die sich von Innensenator Heinrich Lummer bestätigen ließ, wie gefährlich die Alternative Liste für Berlin sei. Frager und Antworter ergänzten sich dabei vortrefflich. Etwa, wenn Lummer die „Entsendung von Herrn Schily, der ja Verteidiger von Terroristen gewesen ist, in den Bundestag“ beklagt. Oder die Morgenpost fragt: „Trifft es zu, daß die Art und Weise des Wahlkampfes der AL in die letzten Monate der Weimarer Republik und die damals von den Nazis angewandten Methoden zur Unterminierung des demokratischen Staates erinnert?“

Nun ist bisher nicht bekannt geworden, daß die AL ihren Wahlkampf mit Straßenterror und Saalschlachten bestritten hätte. Gleichwohl wies der für die innere Sicherheit zuständige Senator diesen Vergleich keineswegs zurück, sondern bestätigte die rhetorische Frage, indem er empört an die Aktion „Bürger beobachten die Polizei“ erinnerte (die Material über Übergriffe von Polizeibeamten sammelt). Folgerichtig stellte da die Morgenpost in einem Kommentar zu dem Lummer-Interview die AL dann gleich noch auf eine Stufe mit „Goebbels und Konsorten in den Jahren des Untergangs der Weimarer Republik im Reichstag“.

Einen Tag später führte die Morgenpost ein Interview mit dem Bonner SPD-Fraktionschef Hans-Jochen Vogel. Der mit den Fußangeln und Finessen der Berliner Politik nicht mehr ganz vertraute Vogel war dabei so unvorsichtig, eine wenig überraschende Absicht von sich zu geben: Nach dem 10. März werde die SPD versuchen, im Abgeordnetenhaus in Sachfragen sowohl mit den Christdemokraten wie mit der Alternativen Liste zusammenzuarbeiten und Mehrheiten zu finden.