Von Karl-Heinz Wocker

Knottynghull – so wird die Gegend in einer Urkunde des 14. Jahrhunderts genannt, und warum, das weiß niemand. Knüpfer haben dort damals bestimmt nicht gelebt, das Handwerk gedieh nur innerhalb der Stadtmauern, und die verliefen noch östlich des heutigen Trafalgar Square. Bis ins vorige Jahrhundert bestand Notting Hill aus Agrarland. Der Boden gab ein bißchen Ries her, die Londoner Bauleute holten sich hier ihren Sand. Die beiden größten Höfe, „Portobello Barn“ und „Notting Barn“, wichen von 1860 an dem Expansionsdrang der Metropole. Und es kamen Arme und Reiche: Schon immer spiegelte diese Gegend alle Schichten des Volkes wider. „Wo wohnen Sie?“ „In Notting Hill“ – das sagt gar nichts. Im Elgin Crescent wohnt Schickeria. Die Acklam Road wird von einer Stadtautobahn überzogen. Das macht dann den Unterschied.

Notting Hill ist eine Gegend, kein Stadtteil. Der heißt Kensington und hat einen wesentlich begüterteren Süden nach Chelsea zu. Notting Hill wählt Rot für den Gemeinderat und Blau, wenn’s ums Unterhaus geht. (Schwarz als Parteifarbe hatten in England nur die Mosley-Faschisten. Die Konservativen bevorzugen Blau, als hätten sie gewußt, daß dies irgendwann die telegenste Farbe werden würde.) In Notting Hill leben etwa 80 Prozent Weiße und 20 Prozent Farbige, unter denen die Zuwanderer aus der Karibik den Hauptanteil stellen. Nur hier ist es den Bewohnern des ehemaligen Empires gelungen, ein Stück eigene Kultur in England neu zu etablieren. In diesem Jahr findet schon zum 21. Mal der Karneval von Notting Hill statt. „The West Indians“, wie die Bewohner der Karibik von den Einheimischen genannt werden, haben damit ein Stück Aufregung in die Stadt getragen, freudig zumeist und neuerdings überwiegend so, aber in den Anfängen stark getrübt.

Der Notting-Hill-Karneval steigt am Wochenende der jährlichen August-Bankholidays, in diesem Jahr also am 24./25. 8. Die Vorbereitungen beginnen jeweils gleich nach dem vorigen Fest. „The mas“, wie die Maskerade genannt wird, erfordert viel Phantasie, denn hier wird ja nicht einfach bestellt und anprobiert, das ist kein Fasching der Münchener Neureichen. Wer wagt zu sagen, mit welchen Mitteln die Gruppen ihre buntfarbigen Kostüme geschneidert, wie die Steel Bands ihre Wagen geschmückt haben, wenn der Zug in Ladbroke Grove seinen Anfang nimmt? Die Arbeitslosigkeit unter den Jamaikanern war immer hoch – der Karneval bietet wenigstens Beschäftigung.

In seinen Frühzeiten bot er auch Gelegenheit zum Protest. Zeitweise gab es zwei Veranstaltungskomitees. Das eine wollte den großen Auftrieb der Neugierigen dazu benutzen, auf Rassendiskriminierung und soziale Vernachlässigung hinzuweisen. 1958 hatte ein bestürztes England die Krawalle von Notting Hill erlebt, wo weiße jugendliche Arbeiter die schwarze „Konkurrenz“ auf offener Straße zu attackieren begannen. Der Name des Viertels hatte seither einen schlechten Klang.

Aus eben diesem Grunde verfocht das andere Komitee die Ansicht, der karibische Karneval müsse den Zuschauern ein friedliches Bild fröhlicher Menschen bieten. Gegen Taschendiebe und Messerstecher dürfe nicht die Polizei allein vorgehen, auch die Veranstalter müßten solche unerwünschten „Beifahrer“ des Zuges abdrängen. Bei derart konträren Rezepten konnte der Zwist nicht ausbleiben. Im Karneval von 1976 gab es 300 Verletzte – trotz der 1600 Polizisten, die für Ordnung sorgen sollten, sagen die einen, wegen der Polizisten, die sich überstürzt in die Menge drängten, behaupten die anderen.

Danach wollten die Behörden den Trubel ganz verbieten. Klugerweise ließen sie das bleiben. Beide Seiten lernten dazu. 1981, als die vorausgegangenen Unruhen in Toxteth und Brixton das Schlimmste für den Notting-Hill-Karneval fürchten ließen, passierte dort nichts Ungewöhnliches. Letztes Jahr wurden an zwei Tagen 300 Menschen ins Krankenhaus eingeliefert: Opfer der Hitzewelle. Es gab 43 Festnahmen, fast alle unauffällig: Pickpockets oder Rauschgiftanbieter. Erfahrene Reisende stufen die Risiken eines Besuchs dieses Festivals ungefähr so ein: Man wird hier die Brieftasche noch etwas leichter los als in der Pariser Metro, aber sie ist erheblich sicherer als etwa in der New Yorker U-Bahn. Doch das ist Weltenbummler-Schnickschnack, weil jeder Vernünftige weder dahin noch hierhin noch dorthin etwas anderes als Kleingeld mitnimmt.