Von Siegfried Schober

Ein Publikum, das auch bei widrigem Wetter um Eintrittskarten Schlange stand. Für Filme, die in allen möglichen Sprachen liefen, Englisch bis Koreanisch, mit deutschen Untertiteln. Von den meisten Filmen war selten mehr als der Inhalt bekannt, und der hörte sich oft reichlich schwierig an. Kaum Stars, die lockten. Wenige große Regienamen. Trotzdem viele ausverkaufte Vorstellungen. Häufig überfüllte Kinosäle, wo die Zuspätgekommenen auf dem Boden hockten oder die zweieinhalb Stunden stehend ausharrten.

Die Filme, sehr sonderbar sahen sie häufig aus, eine merkwürdige Unausgeglichenheit und Zerrissenheit herrschte vor, auch gab es sehr viel Pathos, Kitsch. Auffiel etwas durchgehend Krisenhaftes bei allen europäischen Filmen, die arm an Wärme, Menschenvertrauen und beglückenden Bildern waren. Aber das Publikum machte es mit, erstaunlich. Es war die Überraschung dieser Filmfestspiele – ein Publikum, das Anteil nahm, geduldig war. Sein Engagement, das es beim Zuschauen entwickelte, teilte sich intensiv in den Sälen mit.

Unberührt davon blieb ohne Zweifel ein Großteil des professionellen Festivalvolks. Bei Kritikern, Regisseuren, Produzenten, Verleihern drang manchmal beinahe so etwas wie eine Endzeitstimmung durch. Wenn die Zeichen und Unkenrufe nicht trügen, stehen dem europäischen Film, zumal dem deutschen, schwere Zeiten bevor. Die neuen Medien, Video und Kabel- und Satellitenfernsehen, und einiges andere haben zu Unruhe und Konfusion geführt.

Auf diesen Filmfestspielen haben sich nicht wenige Kritiker allzu widerstandslos ins Fahrwasser der Hysterie, Ängste und Depressionen im Filmmilieu ziehen lassen. Ihre Wahrnehmung der Filme selber wurde davon häufig ungebührlich überschattet. Zum anderen ihre unentwegte, sich letztlich destruktiv auswirkende Suche nach Meisterwerken und spektakulären Neuheiten: Ist sie nicht einfach Ausdruck einer verkappten Sehnsucht, des Traums, in unsicheren, unübersichtlichen Zeiten sich in die Sicherheit eines vollendeten Kunstwerks zu retten?

Starker Wirklichkeitssinn

Das Berliner Publikum – die lebhaften Diskussionen im Anschluß mancher Vorführungen bewiesen es – zeigte weit mehr Einfühlungsgabe und Wirklichkeitssinn, ein ungebrochenes Interesse und eine ungestörte Toleranz, wovon in der etablierten Filmszene nur noch Ruinen vorhanden sind. Es verlangt bestimmt nicht, wie der aufgeregte Filmkritiker X, nach einem neuen Hitchcock; es ist ihm egal, daß John Ford, wie der Filmkritiker Y posaunt, der größte Regisseur aller Zeiten sei. Mit ihren Superlativen und Wünschen nach Superlativen sagen solche Kritiker nur, daß ihnen die gegenwärtigen Filme nicht genügen, sie passen nicht in ihren Tempel voller klassischer Großregisseure und Althollywood. Wie langweilig.