III. Programm (SFB, NDR, RB), Freitag, 8. März, 19.15 Uhr: „Theodor Lessing“, Film von Rainer K. G. Ott und Rudolf Schweigert

Sie haben doch wohl Primareife?‘ fragte Fontane. ‚Nun wie wär’s mit dem höheren Postfach? Oder Eisenbahner?‘ Als sie meine Verlegenheit sahen, sagte Harden hilfreich, daß ich schöne Gedichte mache und Fontane: ‚Sie haben gewiß welche in der Tasche.‘ Natürlich! Ich war ausgepolstert mit Lyrik. Ich las das Gedient: ‚Die Jagd nach dem Glück‘. ‚Recht nett‘, sagte Fontane. Seine Frau meinte: „Zahntechniker sei noch nicht so überfüllt und böte gute Aussichten.‘“

Natürlich wurde er nicht Zahntechniker, der dichtende Jüngling Theodor Lessing, der diese Szene in seinen Erinnerungen festhielt – in „Einmal und nie wieder“, einer der ganz großen, literarisch bedeutsamen Autobiographien dieses Jahrhunderts.

Und doch sind er und sein Werk heute so vergessen, als wäre er tatsächlich Zahntechniker geworden – und nicht der Denker und Kämpfer, der streitbare Republikaner, der Psychologe, Philosoph, politische Theoretiker, der Aufklärer, an den Rainer Ott und Rudolf Schweigert in ihrem Fernsehportrait erinnern.

Die Nazis haben ihn vernichtet, physisch: 1933 erschossen sie ihn hinterrücks im Marienbader Exil, und im tieferen Sinne, indem sie seine Werke verboten und seinen Namen aus der Geistesgeschichte auszulöschen versuchten.

Auszulöschen – das ist das einzig treffende Wort. Denn dieser Mann war eine Fackel, unstet und begeistert, intellektuelle Energie verströmend, als Wärme, als Licht, und sich schließlich selbst verzehrend im Kampf gegen die anbrechende deutsche Finsternis.

Von George bis Husserl hat der 1872 in Hannover geborene Lessing in seinen Lehrjahren viele Meister gehabt und ist keinem treu geblieben, sowenig wie seinen Freunden und Weggefährten Ludwig Klages, Max Scheler, Maximilian Harden. Mit allen stritt er, überwarf er sich früher oder später, dem Selbstdenken treu bleibend und unfähig zu dienen, sei es einem Menschen, sei es einer Idee. Schopenhauer und Nietzsche waren seine Götter gewesen, Nachklänge ihres Denkens durchziehen noch sein geschichts-philiosophisches Hauptwerk „Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen“. Doch ist er, der den Buddhismus studierte, nie weltflüchtig geworden: Fern aller elitären irrationalen Politikverachtung philosophierte und schrieb er als ein Gesellschaftsbeobachter und Analytiker ersten Ranges. Im antisemitischen Klima der Hannoveraner Technischen Universität ein ewiger Privatdozent (ein Schicksal, das an dasjenige Simmeis erinnert), ohne Hoffnung auf staatliche Anstellung, verteidigte er in den zwanziger Jahren die junge Republik gegen ihre größten Feinde: die schwarze Reaktion auf Kanzel, Katheder und Richterstuhl, die bierstinkenden Burschenschaftler, den schrecklichen akademischen Nachwuchs, der seine Vorlesungen störte und es der „jüdischen Demokröte Lessing“ einmal zeigen wollte. Als man Einstein nach dem Krieg einlud, wieder nach Deutschland zurückzukehren, lehnte er, ohne zu danken, ab: Die deutsche Professorenschaft habe sich vor und nach 1933 benommen „schlimmer als der Pöbel“. Was er damit meinte – am Hannoveraner Schicksal Theodor Lessings kann man es erfahren.