Auch die kommunistischen Planer verschieben einen Kraftwerksbau im Auwald

Rechtzeitig zum Weihnachtsfest 1984 hatte der unerwartet starke Widerstand überwiegend jugendlicher Umweltschützer den Aufschub eines Kraftwerksbaus bei Hamburg an der Donau erzwungen. Trotz der kampflustigen Haltung vieler Baugewerkschafter wollte die wackelige sozialliberale Koalition unter Bundeskanzler Fred Sinowatz ihr politisches Schicksal nicht länger mit Hainburg verknüpfen. Nun sollen die Auswirkungen eines Anti-Hainburg-Volksbegehrens abgewartet werden. Inzwischen wird wieder einmal über die Inbetriebnahme des fertigen, nach einer Volksabstimmung aber nicht in Betrieb gesetzten Kernkraftwerkes in Zwentendorf, ebenfalls an der Donau gelegen, diskutiert.

Die ungarische Presse widmet der österreichischen Energiediskussion breiten Raum – nicht ohne Hintergedanken. Im Lande selbst darf der Nutzen von Großkraftwerken nämlich allenfalls andeutungsweise öffentlich in Frage gestellt werden. Inoffiziell ist aber ein Kraftwerksbau besonders umstritten: Das in ungarisch-slowakischer Zusammenarbeit zu errichtende Stausystem von Gabcikovo-Nagymaros. Sechstausend Unterschriften hatten ungarische Ökologen gesammelt, um – ganz im Stile westlicher Bürgerinitiativen – gegen den folgenschweren Eingriff in die Natur zu protestieren. An einen Erfolg wagten allerdings selbst die Initiatoren dieser, in der Geschichte der Volksrepublik einmaligen Petition, nicht zu glauben. Doch das Unerwartete geschah. Überraschend verkündete das einflußreiche ZK-Mitglied Mátyás Szürös in einem Radio-Interview eine „Denkpause“ für Gabcikovo-Nagymaros.

Nach Plänen, die bis in die Stalin-Zeit zurückreichen, soll zwischen Preßburg und Budapest durch den Aufstau der Donau ein riesiger See entstehen. Zwei Kraftwerke, eines mit 700 Megawatt nahe dem slowakischen Dorf Gabčikovo, ein zweites mit einer Leistung von 140 Megawatt beim ungarischen Nagymaros, sollen den Energiehunger der Magyaren und Slowaken stillen. Die Umweltschützer fürchten aber, daß der Preis dafür in der Vernichtung von über hundert Quadratkilometer Auwald, der Vertreibung seltener Fisch- und Vogelarten sowie der Verschandelung des landschaftlich reizvollen Donauknies oberhalb von Budapest bestehen wird.

Das Projekt zu stoppen, ist aber nicht nur wegen der Machtstrukturen in sozialistischen Staaten schwer. Selbst umweltfreundliche Politiker innerhalb der ungarischen KP beteuerten, ihnen wären durch zwischenstaatliche Abkommen mit der Tschechoslowakei die Hände gebunden. Die Bauarbeiten auf der slowakischen Seite seien schon zu veit fortgeschritten. Budapest konnte seine geringe Baulust – bisher sind erst die allerwichtigsten Vorarbeiten für ein neues Donaubett geleistet worden – mit Geldmangel erklären.

War es der Einfluß der österreichischen Entscheidung, der Ungarn und Slowaken doch noch dazu bewogen hat, den Kraftwerksbau zu überdenken? Hat der Umweltschutzgedanke durch Rostlöcher im Eisernen Vorhang schlüpfen können? Unwahrscheinlich. In der slowakischen Republik ist eine Generation der Macher am Werk. Der wirtschaftliche Aufschwung, den die Slowakei seit dem Jahr 1968 genommen hat – besonders im Vergleich zu den tschechischen Brüdern – ist beachtenswert. Auch im reformfreudigen Ungarn regieren Manager im Parteigewand. Nicht Gefühle, sondern eine nüchterne Kalkulation der ökologischen Folgekosten des Unternehmens, könnten zur „Denkpause“ geführt haben.

Das Tauziehen um den Ausbau der Donau erlaubt auch Einblicke in die inneren Machtmechanismen osteuropäischer Einheitsparteien. Den Falken und Tauben in der Politik entsprechen Orthodoxe und Pragmatiker im Wirtschaftsbereich. Kurz nach dem Radiointerview seines Parteigenossen Màtyás Szürös erklärte der ungarische Ministerpräsident György Lázár: „Es ist nicht davon die Rede, daß die Verwirklichung des Projekts auf unbestimmte Zeit suspendiert wäre.“ Ungarns Grüne, mit osteuropäischer Rhetorik nur zu vertraut, frohlocken trotzdem: „Immerhin wurde der Wahnsinnsbau auf bestimmte Zeit verschoben.“

Karl Stipsicz