Von Ernst Hess

Es ist unmöglich“, schrieb Dame Edith Sitwell in ihrem Buch über die englischen Exzentriker, „nicht eine verwirrte Sympathie und eine Art Zuneigung für sie zu empfinden.“ Nach einem Besuch bei ihrem Neffen Sir Reresby Sitwell auf Renishaw Hall wollen wir das gerne glauben, auch wenn zunächst die Verwirrung überwiegt. Weiß der Himmel, warum der siebte Baronet of Sitwell 1972 plötzlich den Entschluß faßte, hinter seinem Schloß einen Weinberg anzulegen, mitten im englischen Industrierevier. Vielleicht war es die Trauer über den Verlust von Castello di Montegufoni, wo Sir George Sitwell seit 1909 Chianti auf Flaschen gezogen hatte. Oder der verständliche Wunsch, vier Zeilen im Guinness Book of Records zu ergattern, was 1977 auch tatsächlich gelang. Jedenfalls befindet sich „the most northerly vineyard of Europe“ seitdem im Dunstkreis von Sheffield, 18 Minuten nördlich des 53. Breitengrades. Berlin und Warschau liegen südlicher, was sich schon beim ersten Schluck zur sauren Gewißheit verdichtet. Andererseits haben wir schon weit schlechteren Wein getrunken, der nicht unter Britanniens blasser Sonne, sondern irgendwo am Mittelmeer reifen durfte.

Für Sir Reresby Sitwell auf Renishaw Hall ist die Winzerei ohnehin keine Frage des Geschäfts, sondern liebgewordene Verpflichtung. Schließlich hat die Exzentrik in der Familie eine gewisse Tradition, und die Konkurrenz schläft leider nicht. Seine Tante Edith kannte noch den vierten Lord Rokby persönlich, der den größten Teil seines Lebens in der Badewanne verbrachte. Und wer weiß, vielleicht wird der fröhliche Weinberg der Sitwells eines Tages ebenso literarisch verewigt wie der verblichene Squire Waterton. Glaubt man den Biographen, dann pflegte Sir Squire nachmittags auf einem zahmen Krokodil auszureiten ...

Da nehmen sich die 1760 Weinstöcke auf Renishaw Hall vergleichsweise normal aus. Hinter den Stallungen, wo Großonkel Sir Sityell Sitwell einst seine berühmten Rennpferde hielt, hat der Neffe Müller-Thurgau, Huxelrebe und andere robuste Sorten gepflanzt. Gewärmt werden die zarten Triebe von einer hohen Sandsteinmauer, die den nördlichsten Wingert Europas umgibt. „Schauen Sie mal, wie sich der Pinot Noir prächtig entwickelt hat“, schnauft Sir Reresby stolz, während Lady Penelope etwas grämlich die Gestehungskosten pro Flasche mit fünf Pfund beziffert. Daß man den Wein nicht für dreißig Mark weiterverkaufen kann, liegt in der Nähe des 54. Breitengrades eigentlich auf der Hand. Doch zum Seibertrinken bleibt kaum eine Flasche übrig, weil es rund um Sheffield genug Exzentriker gibt, die geradezu verrückt auf die säuerliche Kreszenz sind. Welcher Burgunder oder Bordeaux kann schon vier Zeilen im Guinness Book of Records aufweisen?

Folgen wir Sir Reresby in die Tonnengewölbe des Schloßkellers. Die großen Chäteaus des Bordelais liegen hier friedlich neben allerlei Durchschnitt, vornehmlich aus deutschen Landen, wie ein kurzer Blick auf die bunten Etiketten bestätigt. Der unselige Geschmack Queen Viktorias bescherte den Briten nicht nur neugotische Bahnhöfe, sondern auch süßen Rheinwein, fälschlich „Hock“ genannt. „Den trinken viele unserer Gäste am liebsten“, entschuldigt der Hausherr und steckt seine schwere Monte Cristo wieder in Brand. „Ich halte es lieber mit Franzosen und Italienern.“

Renishaw Hall und sein berühmter Garten gehören zum „Heritage Circle“, einem Zusammenschluß von zwanzig Schloßherren. Einer von ihnen, John Denning auf Burghope Manor, hatte vor etwa fünf Jahren die Idee, finanzkräftige Gäste wie private Freunde zu beherbergen. Nicht jeden Tag und erst recht nicht jeden Touristen, sondern je nach Laune und Jahreszeit. Es versteht sich, daß diese Art von Gastlichkeit nicht unbedingt billig ist. Dafür vermittelt sie Einblicke und Erfahrungen, die für gewöhnlich weder in Pfund noch Dollar bezahlt werden können.

Wir saßen mit Sir Reresby Sitwell und Lady Penelope auf der Terrasse und tranken Tee. Der Blick ging hinaus auf hügeliges Parkland, streifte die weißen Caligari-Skulpturen im Garten und verfing sich gelegentlich an Sir Reresbys giftgrünem Blazer. Es war ein milder Nachmittag, und der Wind strich leise durch die Blätter der Limonenbäumchen. „A memento of Tuscany“, seufzte der Lord mit schweren Lidern und zog an seiner Havanna. Wir rieben uns die Augen, weil alles so exakt dem Klischee von adelig-gepflegtem Zeitvertreib entsprach und Lady Penelope im Familienalbum zu blättern begann. „Mein Großvater George ließ den Park so anlegen, daß zwei Eisenbahnlinien und eine Kohlenmine durch die raffinierte Gartenarchitektur völlig verschwanden“, referierte der siebte Baronet of Sitwell nicht ohne Stolz.