Von Rainer Schauer

Nordirland, meint Karina Madden, Wirtin der „Karina Lodge“ in Kilrea, sei für den Touristen absolut sicher. „Die Zeitungen“, sagt sie, „die bauschen alles so auf.“ Nun ja, die Straßensperren der britischen Armee in Kilrea, die müßten nun mal sein. Hundert Kilometer entfernt, in Dungannon, ist an diesem Montag Melvin Simpson gestorben. Untergrundkämpfer der IRA haben den Ex-Soldaten Ihrer Majestät mit zwölf Schüssen umgelegt.

Mr. Simpsons Tod scheint kein Gesprächsthema zu sein an den hölzernen Tresen. Vor allem dann nicht, wenn Fremde im Schankraum sind, die niemand kennt und von denen niemand weiß, woher sie kommen. Dann ist es besser zu schweigen. Zuviel Neugier könnte falsch ausgelegt werden.

Am Abend zuvor ist es in „Karina Lodge“ und nebenan in „Theady’s Pub“ hoch hergegangen. Theady, Karinas Mann, hat eine Schanklizenz für den Sonntag, weil er ein Restaurant betreibt und der Pub eigentlich nur als Warteraum für das Restaurant gedacht ist, für einen Aperitif oder auch zwei. „Aber“, sagt Karina Madden, „was können wir machen, wenn die Leute lieber ein Bier trinken als essen.“ Und dabei blitzt der Schalk in Karinas Augen. Gesetze sind da, um umgangen zu werden. Die Farmer und die Jugend aus Kilrea und Umgebung wissen es zu schätzen, in Nordirlands einzigem Pub zu sitzen, der am Sonntag offiziell geöffnet hat.

Theadys Pub ist neu. Aber uralt sind die Gewohnheiten seiner Gäste. Lager- und Harp-Bier, Guinness und Whiskey werden am Fließband geordert. Ein Mädchen aus Kilrea singt im Restaurant. Die Trinker fallen sich um den Hals und singen die traurigen Lieder mit, die immer von Liebe, Tod und Abschied erzählen. Und die Jungen, die Sean oder David heißen, fragen mit glänzenden Augen, wie es mit den deutschen Mädchen sei. Ob sie einen Nordiren lieben könnten und wie sie reagieren, wenn man sie in der Disco bittet, mit raus zu kommen, und – zwei Guinness, please – wie es mit der Sprache sei. Sie seien so schön, die deutschen Mädchen, die Zeitungen schrieben, diese girls seien so frei und frech – ob das wirklich stimme. Pubs in der irischen Provinz sind immer noch Männerdomänen, wo die Wünsche und Sehnsüchte mit dem Alkoholpegel wachsen. Und die Politik? „Geh’ nachts nie nach Derry“, sagen die jungen Burschen, „oder nach Belfast. Dort ist es auch für Touristen gefährlich. Und wenn du einen Pub besuchst, vergewissere dich, ob du in einem protestantischen oder katholischen Viertel bist.“ Derry sagen sie, und das bedeutet: Theadys Pub ist katholisch.

Der Tod ist in Derry, Londonderry, allgegenwärtig. Er schmückt, einmalig auf dieser Welt, das Wappen der Stadt. In den Bäckereien hängt der Tod als Gebäck, in den Läden als Spielzeug aus Plastik, und in den Souvenirläden klappert er als Skelett, das durch Schnürchen wie ein Hampelmann bewegt werden kann. In der „Castle Bar“ sind an diesem frühen Morgen nur wenige Gäste. Das Torffeuer flackert vor einer Kuhglocke und billigen Werbe-Spiegeln, die über den grünen, samtbezogenen Stühlen und Bänken hängen. Solche Pubs wie die „Castle Bar“ gibt es viele in Derry, auf der katholischen Seite des Flusses.

Traditional Irish Music haben fast alle einmal in der Woche im Programm, live. Die Räume sind brechend voll, die Luft ist stickig, und das Guinness kostet 40 Pence und der schale Wasserkaffee fünf Pence. An solchen Abenden ist der fremde Gast nie allein. Wenn das Mißtrauen abgebaut ist, versinken die Gespräche manchmal in Sei wermut. Dann stehen die Toten wieder auf, die, die sich zu Tode gehungert haben in Ulster-Gefängnissen oder die an blutigen Sonntagen erschossen wurden. „Wenn die britischen Soldaten abziehen“, heißt es aber auch, „dann gibt es Bürgerkrieg.“