Pekings Reformpolitiker brechen alte Tabus

Von Helmut Becker

Marx ist tot“, verkündete eine Schlagzeile des amerikanischen Wall Street Journals Ende vergangenen Jahres. Ort des Geschehens: ausgerechnet Peking. Aber nicht nur das konservative Finanzblatt aus der Kapitalistenmetropole New York, sondern fast alle großen amerikanischen Zeitungen verbreiteten sich über Chinas angebliche Verdammung des kommunistischen Erzvaters. „Wenn es um weltgeschichtliche Dimensionen geht, war 1984 die Absage an den Marxismus und die Umarmung des Kapitalismus durch die Regierung von einer Milliarde Chinesen das größte Ereignis“, schwärmte der US-Starkolumnist William Safire.

Die Sensation schien glaubhaft, hatte doch das offizielle Parteiorgan der kommunistischen Partei Chinas am 7. Dezember ketzerisch doziert: „Wir können von den Werken von Marx und Lenin nicht die Lösung unserer Gegenwartsprobleme erwarten“, urteilte der Leitartikler der Pekinger Volkszeitung. Dann bescheinigte das Pflichtblatt von vierzig Millionen eingeschriebenen Parteimitgliedern den ideologischen Vordenkern der Revolution Fehlbarkeit: „Es gibt so viele Bereiche, in denen Marx, Engels und selbst Lenin unerfahren blieben.“

Zwei Tage später korrigierte sich zwar die Volkszeitung, man habe die Rede des KP-Generalsekretärs Hu Yao-bang nicht vollständig wiedergegeben. Hu habe erklärt, die Werke von Marx und Lenin könnten keine Lösung für „alle unsere Gegenwartsprobleme“ bieten. Aber der peinliche Lapsus, der Jahre zuvor den Verantwortlichen strengste Strafen eingetragen, den sofortigen Einzug und das Einstampfen der verunglimpfenden Ausgabe zur Folge gehabt hätte, blieb ohne Konsequenzen.

Mehr noch: Auch in der entschärften Fassung mußte die Kritik des Zentralorgans der chinesischen KP jedem orthodoxen Parteimitglied als blasphemische Versündigung wider die reine Lehre erscheinen. Doch der ideologische Bruderzwist blieb vorerst aus. Denn nicht irgendwelche rechten Abweichler, sondern Chinas großer alter Mann, Deng Xiao-ping hatte den Kurswechsel orchestriert: „Deng möchte seinem Land vor seinem Tod noch seinen Stempel aufprägen“, spekulierte das amerikanische Nachrichtenmagazin Time.

Das versucht der achtzigjährige Staatsmann seit Ende 1978 vor allem an einer Front: Der Modernisierung des Reichs der Mitte durch Import von ausländischem Kapital und Know-how. Daß dieses Experiment nicht ohne Widerspruch in den eigenen Parteireihen bleiben kann, weiß der von Mao Tse-tungs Kulturrevolutionären erbittert verfolgte Deng besser als irgendein anderer Spitzenpolitiker der neuen Führungsschicht. In seiner Neujahrsadresse, die von allen chinesischen Zeitungen auf der ersten Seite gebracht wurde, appellierte Pekings oberster Reformer denn auch an „einige unserer älteren Genossen, denen ein wenig Kapitalismus nach einer Generation von Sozialismus und Kommunismus Angst macht“.