Von Claudia Pai

An der Fassade steht: „Dem deutschen Volke“. Drinnen gähnt Leere. Einst geschaffen als Symbol für parlamentarische Demokratie in Deutschland, fristet das Reichstagsgebäude in Berlin heute sein tristes Dasein an der Mauer in neuer Symbolfunktion: Der provisorisch bestuhlte Plenarsaal, die perfekt ausgestatteten Sitzungssäle sollen den Glauben der Deutschen an die Wiedervereinigung wachhalten.

Doch das Volk hält Distanz zum schaurig-schönen wilhelminischen Prunkstück. Die „Bonbonniere mit dem zu klein geratenen Deckel“, wie Spötter sie nannten, gerät in Vergessenheit; das Haus, gebaut, den zu Selbstbewußtsein gegenüber Kaiser und Gott erwachten Abgeordneten als Herberge zu dienen, verkümmert zur deutschlandpolitischen Touristenattraktion.

Friedlich, vom Schnee verzuckert, liegt es in seinem Dornröschenschlaf da. An diesem eiskalten Freitagmorgen machen nur wenige Touristen Dornröschen ihre Aufwartung. Das Weckzeremoniell ist streng geregelt: Die Dame gibt sich spröde, direkter Zugang ist nicht möglich; nicht von vorne, vom gesperrten Haupteingang aus, sondern nur vom Seiteneingang, dem Nordportal her, kann man sie besuchen.

Zwei Führungen machen mit dem Inneren bekannt. Die eine beschränkt sich auf die Präsentation der Räume, die andere führt durch die historische Ausstellung „Fragen an die deutsche Geschichte“. Eine Touristengruppe aus Illinois wird schon erwartet. Auf die Frage, ob er der Museumsführer sei, reagiert Klaus Tegener, der die Besucher betreut, fast empört: „Das hier ist ein intaktes Haus, kein Museum.“ Verloren stehen die vier Leute vom Illinois College in Jacksonville in der Eingangshalle: Bob Smith, Professor für deutsche Literatur, seine Tochter Jennifer sowie Steve und Brad, zwei seiner Studenten. Klaus Tegener begrüßt sie „im Namen der Bundestagsverwaltung“. Fast ehrfürchtig, wie in der Kirche, warten sie in der Stille des menschenleeren Flures auf seinen Einsatz. Aufmunternd verkündet Tegener: „Sie sind in einem Gebäude, das eine parlamentarische Nutzung hat.“

Mißtrauisch kontrolliert ein Sicherheitsbeamter, ob das versprengte Häufchen auch zusammenbleibt. Sonst hat er heute nicht viel zu tun. Parlamentsausschüsse, die hier zuweilen etwas verschämt tagen, sind in dieser Woche nicht zu sichern. Weder Bundestag noch Bundesrat dürfen sich im Reichstag versammeln, wohl aber einzelne Fraktionen des Bundestags. Man bemüht sich um internationale parlamentarische Gastnutzer, zum Beispiel Ausschüsse des Europaparlaments. Tegener sagt nicht ohne Stolz: „Dadurch kommt es zu einer fast siebzigprozentigen Auslastung des Gebäudes.“

Gehörig staunend, vernehmen es die Amerikaner auf der Wanderung durch das sterile Styling der beige ausgelegten Flure. Wäre nicht der Vortrag, man könnte eine Stecknadel fallen hören. Still ruht der von Wilhelm II. als „Schwatzbude“ verteufelte Reichstag. Draußen rieselt leise der Schnee, über der vereisten Spree ziehen Möwen ihre Kreise.