Von Joachim Hellmer

In über dreißigjähriger Forschungsarbeit habe ich mir als Kriminologe oft die Frage gestellt, warum die Kriminalität in unserem Land – und auch anderswo – regelmäßig ansteigt, obwohl man doch sowohl die Suche nach den Ursachen als auch die Ausstattung der Strafverfolgungsorgane, besonders der Polizei, nicht unerheblich verstärkt hat und obwohl auch die wirtschaftliche und soziale Lage der Bevölkerung, von der Umfang und Gewicht der Kriminalität in erster Linie abhängen, sich seit Anfang der fünfziger Jahre beständig verbessert hat. Die Zuwachsrate der Kriminalität hat in den letzten 30 Jahren jährlich zwischen zwei und acht Prozent gelegen, und da die bekannt gewordene Kriminalität nur ein Bruchteil der wirklich vorkommenden Kriminalität darstellt, ist die Kriminalitätszunahme – absolut gesehen – wahrscheinlich größer als zu ermessen.

Nun gibt es kluge Leute, die sagen, daß die Statistik nicht stimme, jedenfalls die polizeiliche, die diese Zuwachsraten verzeichnet, daß nur die Ermittlungsarbeit und die Zählmethoden sich geändert haben. Sie stützen sich dabei auf die justitielle Verurteilungsstatistik, die nicht mehr Verurteilte anzeigt, als zum Beispiel um die Jahrhundertwende gezählt wurden, wenn man den Straßenverkehr abzieht, der ja damals noch keine Rolle spielte.

In der Tat machen heute Straßenverkehrsdelikte fast die Hälfte sämtlicher Verurteilungen aus, und die Gesamtzahl der Verurteilten ist unter Abzug dieser Delinquenten seit der Jahrhundertwende tatsächlich nicht angestiegen. Trotzdem ist diese Argumentation nicht stichhaltig. Zum einen werden heute die meisten Strafverfahren eingestellt, ehe es zur Anklageerhebung kommt; die Einstellungspraxis ist in den letzten Jahrzehnten erheblich ausgedehnt worden, die Justiz kann sich heute sogar nur noch mit Hilfe dieser Praxis über Wasser halten. Ferner muß man berücksichtigen, daß heute viele „kriminelle“ Energien vom Straßenverkehr aufgesogen werden, die sich früher im Bereich der „klassischen“ Kriminalität entluden.

Andere, die ein echtes Wachstum der Kriminalität leugnen, nicht zuletzt die Polizei selber, weisen auf die durch technische Erleichterungen bedingte effektivere Ermittlungsarbeit hin, die bewirke, daß bei gleichbleibender Kriminalität mehr Täter als früher in das Verfolgungsnetz geraten und in ihm hängenbleiben und daß auch die Anzeigetätigkeit der Bevölkerung allgemein zugenommen habe. Die Fahndungsmethoden der Polizei sind in der Tat im letzten Jahrzehnt modernisiert und technisiert worden. Aber sie betreffen nur einen kleinen Teil der bekanntwerdenden Kriminalität, weil durch die Polizei selber nur etwa fünf Prozent von ihr ermittelt werden, ca. 95 Prozent kommen den Strafverfolgungsbehörden durch Anzeigen zur Kenntnis.

Ob nun die Anzeigegewohnheiten der Bevölkerung sich so geändert haben, daß sich die bekanntwerdende Kriminalität verdoppeln, ja verdreifachen konnte, muß bezweifelt werden. Die Toleranz der Bevölkerung gegenüber der Masse kleinerer Delikte ist eher größer als kleiner geworden, auch wenn man berücksichtigt, daß viele Diebstähle nur angezeigt werden, weil die Bestohlenen versichert sind und Ersatz geltend machen wollen. Der Verlust von gebrauchter Kleidung oder Eßwaren oder einer Geldbörse mit 20 Mark wäre Anfang der fünfziger Jahre von den meisten Opfern noch angezeigt worden, heute nicht mehr.

Wir müssen also annehmen, daß die Kriminalität in den letzten Jahrzehnten sowohl an Umfang wie an Gewicht tatsächlich enorm zugenommen hat. Das ist zwar kein Grund zur Panik, aber doch ein ernstes Signal, das jedenfalls die Frage nach dem „woher und warum“ nicht nur rechtfertigt, sondern notwendig macht.