Watteau im Schloß Charlottenburg: Man kann sich kein schöneres Ambiente für die Bilder vorstellen als diese hellen Rokokoräume, die Knobelsdorff für Friedrich den Großen, den passionierten Watteau-Sammler gebaut hat. Dem Preußenkönig verdankt Berlin die nach dem Louvre bedeutendste Watteau-Kollektion, die er auf seine Schlösser verteilte und die jetzt zum erstenmal zusammen im Knobelsdorff-Flügel gezeigt, wird.

Unter den zwölf Berliner Bildern gibt es zwei weltberühmte Werke. Das eine, die „Einschiffung nach Cythera“, ist gerade erst aus den Schlagzeilen herausgekommen, in die sie der spektakuläre Verkauf durch das Haus Hohenzollern, als Erben des von Friedrich II. erworbenen Bildes gebracht hatte. Die dafür nötigen fünfzehn Millionen kamen zu gleichen Teilen vom Bund, vom Land und privaten Spendern, einer Art kunstfreudiger Bürgerinitiative, durch die das Bild für Berlin gerettet werden konnte. Das andere, wohl noch wichtigere Gemälde, weil es im Œuvre Watteaus nichts Vergleichbares gibt (während die „Einschiffung nach Cythera“ immerhin in mehreren Fassungen existiert), „Das Ladenschild des Kunsthändlers Gersaint“, hängt jetzt wieder an der Stelle, für die es Friedrich bestimmt hatte, in seinem Musikzimmer.

Unfreundlicher Akt

Berlin, das Schloß Charlottenburg, ist die Endstation der großen Jubiläumsschau zu Watteaus 300. Geburtstag, die vorher schon in Washington und dann natürlich auch in Paris zu sehen war. Daß die Berliner Ausstellung gegenüber der in Paris erheblich kleiner ist, im Grand Palais waren 73 Gemälde zu besichtigen, in Berlin sind es nur 40, dazu der großartige Komplex von 90 Zeichnungen –, daß bedeutende Werke vor allem aus dem Louvre fehlen, ist für die Berliner Mitveranstalter eine bittere Enttäuschung, zumal da sie selber ihren gesamten Watteau-Bestand sowohl nach Washington als auch nach Paris ausgeliehen hatten. Daß nun aber auch das Städelsche Kunstinstitut sein erst 1982 erworbenes Cythera-Bild zwar nach Paris, aber nicht nach Berlin hat reisen lassen und seine Zusage im letzten Augenblick zurückgezogen hat, empfindet man im Schloß Charlottenburg als einen unfreundlichen Akt. Durch diese ärgerliche museale Taktik ist dem Besucher die Chance genommen, die drei Cythera-Bilder vergleichen zu können, zu sehen, wie sich das Motiv und in welcher Richtung es sich entwickelt.

Genug, man muß die Lücken nicht alle einzeln aufführen; für den Gesamteindruck sind sie unerheblich. Was jetzt in Berlin an Bildern und Zeichnungen vorhanden ist, reicht völlig aus, weil es gerade bei Watteau auf Quantität, auf eine möglichst umfassende Darbietung überhaupt nicht ankommt.

Er ist kein Genie im Erfinden von Themen und Situationen. Sein Repertoire ist für einen Künstler seines Ranges sogar ungewöhnlich begrenzt. Er malt die immer gleichen Sujets, auf die er sich spezialisiert hat, die er in geringfügigen Varianten wiederholt, um den Markt, seine Freunde, seine Sammler oder sich selbst zufriedenzustellen: die ländlichen Vergnügungen, die fêtes galantes, die Liebesinsel Cythera, das Konzert, die Komödianten. Aber nicht nur die Schauspieler, die er so gern in den verschiedensten Masken und Verkleidungen auftreten läßt, auch die Damen und Kavaliere der fêtes galantes agieren auf einer imaginären Bühne, auf der sich die Personen gleichsam in Traumgestalten verwandeln, sich in reine Poesie auflösen.

Unter diesem politischen Vorzeichen wurde Watteau, dessen Ruhm das Rokoko nicht überlebt hatte, im 19. Jahrhundert wiederentdeckt. „Watteau, dieser Karneval, wo die erlauchten Herzen verbrennen im Licht gleich Schmetterlingen“, schrieb Baudelaire in seinem Gedicht „Les Phares“. Ein Jahr später veröffentlichten die Brüder Goncourt ihren grundlegenden Aufsatz, der das Watteau-Bild für Generationen, bis in die Gegenwart geprägt hat. „Watteau ist der große Dichter unter den Malern des 18. Jahrhunderts. Seine Bilder entstehen aus Dichtung und Traum und leben aus dem Zauber des Überwirklichen: ein Feenspiel, tausend Feenspiele ... Watteau hat seine Gestalten rein aus der Einbildungskraft hervorgezaubert - ein galantes Paradies, vom Traum geboren, das jeden entzückt, der empfänglich ist für Poesie.“