Von Klaus Viedebantt

Robin Hood wird immer wieder beklaut. Der Sheriff von Nottingham tut sein Bestes, um den prominentesten Bürger vor räuberischen Zugriffen zu schützen. Vergeblich. Auch das dräuende Gemäuer von Nottingham Castle hält die dreiste Diebesbande nicht auf Distanz. Im Schutze der Nacht, ja selbst im hellen Tageslicht gehen die Halunken unverfroren zu Werk: Schwupp, schon ist Robin, der edle Räuber, wieder die Sehne seines Bogens oder den Pfeil los. Sogar mit Schweißbrennern gingen sie dem lokalen Sympathieträger in diebischer Absicht schon an den bronzenen Leib. Robin Hood hat einen schweren Stand in Nottingham Castle Road.

Das Standbild unterhalb der Schloßmauer ist nicht nur das Zentrum eines weltweiten Kultes, sondern auch ein Ausdruck berechtigten Dankes der Stadt an den Räuberhauptmann. Die Statue ist zwar die Spende eines Privatmannes, aber die Stadt hat sich nicht lumpen lassen und einen kleinen Park mit Reliefs und Denkmälern von Robins berühmten Spießgesellen beigesteuert. Dazu hat die Hauptstaat der gleichnamigen Grafschaft auch allen Grund, denn ohne Mr. Hoods Popularität würden sich wohl kaum so viele Touristen in das Industrierevier verirren.

Das läßt sich auch aus der Tatsache schließen, daß die ebenfalls industriell gebrandmarkte Grafschaft Sheffield in ihrer Fremdenverkehrswerbung nicht allein auf William Brewster (bekanntlich einer der Pilgrim-Fathers) und auf Maria Stuart (die dort 14 Jahre einsaß) stützen wollte. Unter Ausnutzung der in der Fachwelt umstrittenen Annahme, Robin Hood sei in Wahrheit der geächtete Earl of Huntington und somit ein Sheffielder gewesen, wirbt die Nachbargrafschaft von Nottinghamshire auch mit dem Waldläufer. Das wollten die Nottinghamer nicht hinnehmen. Der Zwist wird seither von beiden Seiten werbewirksam geschürt.

Nottingham kann sich seinen Helden nicht nehmen lassen, denn es ist ansonsten kein Juwel unter Englands historischen Provinzstädten. Um den protzigen Palazzo des neoklassizistischen Rathauses drängen sich so viele gesichtslose Fußgängerzonen, als sollten sie zum Verkauf angeboten werden. Und wer vom Schloßberg auf die Stadt herabblickt, verliert sich in der Tristesse von Fabrikanlagen und Eisenbahngleisen. Nottingham braucht den neugierigen Gast, der die Mühe nicht scheut, unter den langweiligen Einkaufsstraßen die Höhlengänge im Kalksteinsockel aufzuspüren oder am alten Gewerbekanal das Museum zu suchen, das von der frühindustriellen Kultur dieses Kohlereviers zeugt.

Aber Fördertürme und schmuddelige Lastkähne verkaufen sich schlecht bei Touristen, die nach Fachwerk und Tudor-Zierat Ausschau halten. Nottingham hat da nicht viel zu bieten: vier, fünf restaurierte alte Häuser, das kleine Museum über die Spitzenherstellung in einem Knusperhäuschen vor dem Schloß, natürlich das Schloß selbst, 1679 entstanden und heute Heim eines Museums (mit Kunstsammlungen und einem sehenswerten Tafelsilber-Hort), und zwei alte Pubs, das „Salvation Inn“ und das teilweise in den Schloßfelsen hineingemeißelte „Ye Olde Trip to Jerusalem“. Beide Kneipen, allabendlich rappelvoll, sind es wert, für ein Pint of Ale oder Bitter einzukehren, zumal das „Jerusalem“ beansprucht, der älteste Gasthof Englands zu sein, und die „Erlösungs“-Pinte mit einem späten Hood-Epigonen, dem Straßenräuber Dick Tupin, als Stammgast prahlt.

Aber all das lockte kaum Gäste in die Stadt abseits der Sightseeing-Pfade. Ob Lord Byron oder D. H. Lawrence, mit denen sich die städtischen Broschüren auch gerne zieren, für Touristenandrang sorgen würden, wird sogar von literarisch beschlagenen Besuchern bezweifelt. Zumal der adlige Poet aus dem Herrenhaus der nahen Newstead Abbey nur als Bub ein Jahr in der Stadt lebte, um seinen Klumpfuß behandeln zu lassen. Und David Herbert Lawrence war ohnehin so ein Fall für sich: Man muß ja nur mal ein paar Stellen in „Lady Chatterley’s Lover“ lesen. Dann versteht man, weshalb dieser Lawrence im Ortsolymp, unter den Nobilitätenbüsten vor Schloß Nottingham, nicht „vertreten“ ist. Den Bergarbeitersohn überläßt man lieber dem nahen Städtchen Eastwood, das sein Geburtshaus als kleines Museum eingerichtet hat. Vielleicht wird ja heuer, wenn sein hundertster Geburtstag mit monatelangem Programm gefeiert wird, auch das verlotterte Grab des Mannes ein wenig gepflegt. Auch wenn der Dichter entgegen der Epitaph-Aufschrift hier gar nicht seine letzte Ruhe fand.