Von Michael Jungblut

Berlin war noch nie so vielen Menschen eine Reise wert. Nachdem bereits 1983 ein Rekordjahr war, zog es in den vergangenen zwölf Monaten noch mehr Menschen in die ehemalige Reichshauptstadt: 1,5 Millionen Touristen aus dem In- und Ausland wurden offiziell gezählt, ein neuer Nachkriegsrekord – und auch ein Einnahmerekord für alle, die vom Tourismus leben.

Die Besucher kommen aber nicht nur wegen der zahlreichen Museen, Theater und Kneipen; sie lockt nicht allein der „Sommernachtstraum“ und andere attraktive Veranstaltungen; sie reisen nicht lediglich wegen der zahlreichen Kongresse und Tagungen an.

Immer mehr kommen auch, um sich dauerhafter zu engagieren: als Investoren, Auftraggeber oder Arbeitnehmer, angelockt vom Aufschwung der Berliner Wirtschaft; als Techniker, Studenten oder Wissenschaftler, fasziniert von den rund zweihundert wissenschaftlichen Instituten oder den jungen, auf Spitzentechnologie ausgerichteten Unternehmen der Stadt. Zum ersten Mal seit vielen Jahren sind wieder deutlich mehr Menschen aus dem Bundesgebiet nach Berlin gezogen, als von dort abwanderten.

Wer danach fragt, warum es Touristen ebenso wie junge Wissenschaftler, Investoren und qualifizierte Arbeitnehmer plötzlich wieder in das noch vor wenigen Jahren von vielen als vergreisende und „sterbende Stadt“ bezeichnete Berlin zieht, wird darauf sehr oft eine Antwort erhalten, die aus dem Sprachschatz der Metereologen stammt: „Das Klima hat sich geändert.“

Dieser Satz kommt ebenso spontan aus dem Munde von Günter Braun, dem Hauptgeschäftsführer der Berliner Industrie- und Handelskammer wie eines Taxifahrers. Genauso formuliert es Rudolf Rentsch, Präsident des gleichnamigen Schweizer Unternehmens, das seine Kapazitäten in der Stadt gerade verdoppelt hat. Exakt diese Worte benutzt auch Klaus Krone, Chef eines alteingesessenen Familienunternehmens. Das veränderte Klima nennt der Gründer einer Computerfirma, wenn er erläutert, warum er mit seinem Betrieb in der Stadt geblieben ist, und ein Verwaltungsfachmann, wenn er gefragt wird, warum er in die Stadt gekommen ist. Noch einige Jahre zuvor hatte er ein ähnliches Angebot ausgeschlagen, weil sich seine Frau damals strikt geweigert hatte, mit den Kindern in die „Frontstadt“ zu ziehen.

Schreckten damals die Bilder von Krawallen, die täglichen Berichte von Straßenschlachten, Anschlägen oder Hausbesetzungen, so werden heute Arbeitnehmer, Selbständige oder Führungskräfte großer Unternehmen „angelockt durch unser Innovationsklima oder auch einfach dadurch, daß wir Ende letzten Jahres sechstausend Arbeitsplätze mehr hatten als Ende 1983“, wie Wirtschaftssenator Elmar Pieroth vor kurzem den Mitgliedern der Bonner CDU-Fraktion während einer Sitzung im Reichstagsgebäude den Umschwung zu erläutern versuchte.