Von Mathias Greffrath

Alle jammern. Die Lehrer über die Schüler, die sich einen Dreck für die Nachrüstung interessieren. Die Mütter über den Smog, der ihre Kinder immer so husten läßt. Und die Politiker, weil es sich in beiden Fällen um Probleme handelt, die sich nur international lösen lassen, und weil man seit hundert Jahren weiß, daß sich international nichts löst.

Die arbeitslosen Junglehrerinnen, die eigentlich statt dessen auch vielleicht ganz gerne doch Mutter werden möchten, jammern, weil sie deshalb und aus anderen Gründen Identitätsprobleme haben; die Psychologen jammern, weil sie, obwohl doch, wie man schon am Beispiel der arbeitslosen Junglehrerinnen sieht, solch ein Bedarf besteht, immer noch nicht von der Krankenkasse honoriert werden; und die Konservativen jammern über den Gebärzauder der Frauen und die Psychiatrisierung der Welt.

Mein Orthopäde, den ich gar nicht danach gefragt habe, jammert, er habe in seinem Leben zwei Fehler gemacht: zu heiraten und Orthopäde zu werden. Die Leute hätten ja alle nichts am Kreuz – sie seien nur alle kreuzunglücklich.

Sie sind es. Privat und als gesellschaftliche Wesen. Denn die Kollegen von den Gewerkschaften jammern, wie heillos man in der Defensive sei, weil das Kapital mit der Roboterisierung und Computerisierung nun bis in alle Ewigkeiten die besseren Karten habe. Das Baugewerbe jammert über zu wenige öffentliche Aufträge; und, gibt es sie dann, jammern die Medien über die Betonierung der Welt.

Der richtige, große Jammer aber bricht erst aus, wenn man abends in der Kneipe an die Zukunft der Menschen denkt. Jeder hat ja inzwischen seine kleine Handbibliothek des Untergangs. Seit „Global 2000“ ist noch einiges erschienen: über das Zurneigegehen des Kupfers, der zwischenmenschlichen Kommunikation, des sauberen Wassers, der Muttermilch; über die steigende Wahrscheinlichkeit des Atomkriegs, geklönter Menschen und anderer Mutanten, des Sterbens der Nordsee, des Abbaus der Rentenversicherung. Und dabei habe ich jetzt von Atomkraftwerken, den hungernden Kindern in der Dritten Welt, den Getreidemultis, den Reagans und den Kabelfirmen noch gar nicht gesprochen. Und wenn man das Jammern satt hat und nach einem dieser nächtlichen Rundgesänge über das Verschwinden der Wale, der selbstbestimmten Arbeit, die Erschöpfung der Ressourcen und das Aussterben – ja auch die noch – der Nashörner nur einmal das Thema wechseln will, dann blickt einen eine handgestrickte Mutter an und sagt: „Ist dir eigentlich bewußt, daß unsere Kinder die ersten sind, die so richtig im Bewußtsein des öffentlichen Endes der Welt aufwachsen?“

Und darauf kann man nichts mehr sagen.