Chinese Achternbusch

Zu anmutigen Bildern von chinesischen Kindern murmelt er Garstig-Geistreiches über die neue Heimatliebe, Autos, Hunde, Zigarettenraucher und politischen Zustände in der Bundesrepublik. Herbert Achternbusch war in China, hat sich dort Land und Leute mit der Kamera in der Hand angeschaut und ein kleines Juwel von einem Film mitgebracht: „Blaue Blumen“. Natürlich war den Fernsehanstalten Achternbuschs persönliche Chinaerfahrung zu eigenbrötlerisch. Aber der Verdacht liegt nahe, daß man ihm unter dem Einfluß des neuen kulturpolitischen Angstklimas aus dem Weg geht – seit Achternbuschs Kollision mit Zimmermanns Filmbürokratie und der „Blasphemie“-Affäre um das „Gespenst“. Die „Blauen Blumen“ versucht Achternbusch nun in die unabhängigen Kinos zu bringen. Sein Kommentar zur Lage der Nation: „Ich gehe nach China zum Sterben, weil ich in der BRD keinen Film mehr machen kann.“

Bertelsmann-Literaturpreis

Zu seinem 150. Geburtstag hat der C. Bertelsmann Verlag, München, einen Literaturpreis gestiftet. Die Auszeichnung (50 000 Mark) soll alle zwei Jahre vergeben werden, zum ersten Mal 1985, und in der Regel auf drei Preise aufgeteilt (25 000, 15 000 und 10 000). So soll „die Arbeit eines Schriftstellers an einem literarischen Werk finanziell ermöglicht und durch das Lektorat des Verlages unterstützt werden“. Da soll wohl nicht nur „die Literatur“ gefördert, sondern auch die eigene, nicht eben üppig besetzte, literarische Nachwuchsabteilung des Hauses aufgestockt werden. Sei’s drum. Einem geschenkten Preis schaut man nur auf die Summe. Mitmachen kann jeder, der bis zum 31. Mai 1985 ein Exposé und mindestens 50 Seiten des Buchmanuskriptes – in deutscher Sprache – an den Verlag schickt (Neumarkter Straße 18, 8000 München 80). Es empfiehlt sich wohl, eine neue Poststelle im Verlag einzurichten. Und die Juroren des ersten Jahres sind nicht zu beneiden: Karl Corino, Hans J. Fröhlich, Martin Gregor-Dellin, Karin Kiwus, Ute Stempel.

Rudolf Hartung

Er war ein Bayer, der sich in der Mark Brandenburg zu Hause fühlte. Der 1914 in München geborene Schriftsteller hat bis zuletzt an Berlin als literarische Hauptstadt geglaubt. Hartung, der mit einem Gedichtband 1959 debütierte, „Vor grünen Kulissen“, war vor allem als Lektor, Herausgeber, literatischer Agent, Kritiker und Juror in verschiedenen Gremien, etwa der Berliner Akademie der Künste, tätig. Von 1955 bis 1960 gab er mit Joachim Günther die Neuen Deutschen Hefte heraus, von 1963 an für viele Jahre die Neue Rundschau. An diese Zeit, als er die einst renommierte Haus-Zeitschrift des S. Fischer Verlages behutsam der neueren Literatur öffnete, wird man sich dankbar erinnern. In dem Buch „Kritische Dialoge“ (1973) sind viele seiner Essays, Rezensionen und Aphorismen gesammelt. Im immer hektischeren Betrieb der Literatur blieb dieser bayerische Berliner seinem nachdenklichen Wesen treu – und gab sein Tagebuch der politisch bewegten Berliner Jahre 1968 bis 1974 erst 1982 heraus: „In einem anderen Jahr“. Schwere Krankheit machte diesem geduldigen Leser, der auch lange Jahre für die ZEIT geschrieben hat, das Arbeiten unmöglich. Am 19. Februar ist er in Berlin gestorben, Rudolf Hartung, siebzig Jahre alt.