Die Obstkiste brennt einfach nicht richtig. Monsieur Delanoés Gesicht, das durch die welligen schwarzen Haare und seinen genauso schwarzen Moustache ohnehin schon etwas düster wirkt, verfinstert sich noch mehr. Müde stampft er durch den leeren Gastraum, so daß der Hund, ein griesgrämiger Cockerspaniel, irritiert den Kopf aus dem silbernen Sektkübel hebt, aus dem er sein Wasser säuft. Bedächtig schiebt der Patron die Kiste etwas weiter ins Feuer, ein paar Flämmchen züngeln gelangweilt den Kamin hoch, machen aber gleich wieder schlapp. Derweilen säuft der Hund weiter. Da verschluckt sich an einem der hinteren Tische der einzige Gast an einer Gräte und beginnt fürchterlich zu husten. Das Knurren aus dem Sektkühler klingt ärgerlich, blechern und irgendwie drohend.

Cancale Port-Mer, Restaurant „La Godille“, im Winter. Wenn man den Strand entlang marschiert, knirschen die angeschwemmten Muschelschalen unter dem Schuh, sie reichen, breit wie ein Parkweg, bis dorthin, wo das Meer seine letzten schwachen Zuckungen aufklatschen läßt. Muscheln und die Leiber toter Krabben, meterlange Kaskaden aus Seetang, dicht wie ein Theatervorhang, rostige alte Fischreusen – alles verschwindet unter der bleifarbenen Brühe. Und nur die Bojen wippen auf der Gischt, während die Nacht sich herabsenkt, der Vollmond sich über den alten deutschen Bunker schiebt und drei Kilometer entfernt in einem Fenster das Licht angeht. – Also ist man doch nicht ganz alleine hier.

Madame Delanoe lächelt. Das bedeutet, sie möchte jetzt gerne schließen. Der Gast prüft den letzten Schluck Armagnac genießerisch mit der Zunge, klemmt sich nonchalant die halbvolle Flasche Côte du Rhône unter den Arm und trollt sich nach nebenan in den komfortablen Ferienbungalow: Elektroheizung, Bad, eingerichtete Küche, großes Wohnzimmer mit Panoramafenster – und Unmengen an Spatzen, die tschilpend die trockenen Baguettekrümel von der Terrasse picken. Das alles für rund 500 Mark je Woche.

Was, um Himmels willen, macht ein halbwegs vernünftiger Mensch im Winter in der Bretagne? Vielleicht hat er keine Lust auf Menschenmassen und scheut sich vor den einschlägigen bundesdeutschen Winterreservaten, zum Beispiel vor denjenigen, wo einem gebräunte, schneidige Jünglinge die Skispitzen abfahren. Die Bretagne dagegen bietet Einsamkeit und eine Küche, über die auch der verzogenste winterliche Jet-Setter nicht meckern kann: In der „Godille“ zum Beispiel die „Sole Meuniere“, also eebackene Seezunge mit Blattspinat, die „Petoncles farcies“, Muscheln mit Käse überbacken, die „Langoustines grilles“, die auch dem Schweigsamsten einige Seufzer der Verzückung entlocken. Oder in der „l’Emeraude“, direkt an der Hafenmole von Cancale, der Hummer.

Trotz der Höchsttemperaturen von zwölf Grad pfeift der Winterwind gemein durch den Segelpullover. Man schließt die Öljacke, wandert von der „Emeraude“ zu den Austernbänken, wo die Möwen sich um das glibberige Getier zanken. Traktoren tuckern, Lieferwagen kämpfen sich durch den Schlick und werden zentnerweise beladen. Man besorgt sich ein Dutzend Austern zu 20 Franc (!), stoppt noch auf einen Kaffee und einen Armagnac im „Au Rendezvous des Cyclistes“, nicht weit vom Marktplatz. Anschließend belehrt einen das Faltblatt aus der Tischschublade des Bungalows über das öffnen einer Auster. Die erste blinzelt kurz und klappt dann mißmutig wieder zu. Offenbar hat man etwas falsch gemacht. Zwanzig Minuten später, nach einer Reihe weiterer Versuche, sieht der Bungalow aus, als hätte man Austernschalen durch eine Kaffeemühle gejagt und dabei den Deckel nicht festgehalten. Ergrimmt bricht man die Aktion ab und begibt sich nach nebenan zu Madame Delanoe in die „Godille“. Der Hund säuft eben Wasser aus einem silbernen Sektkübel und knurrt, als man eintritt, aber das kennt man ja schon.

Doch damit kein falscher Verdacht aufkommt: Man lebt nicht nur für seinen Gaumen. Die alte Korsarenstadt Saint-Malo, gerade zehn Kilometer entfernt, bietet nicht nur eine äußerst interessante Stadtgeschichte, sondern für den, der sie sucht, sogar Menschen. Alte Herren beispielsweise, die an der imposanten Stadtmauer von „Intra Muros“ mit unerschütterlicher Gewichtigkeit ihr Boule spielen. Studiert man die Physiognomien, so erntet man die Gewißheit, daß weder Jean Gabin noch Fernandel noch Louis de Funès besonders originelle Typen sind.

An der Porte St. Vincent gibt es Cafés mit leckeren Crêpes, und in den Gäßchen der Innenstadt finden sich Antiquitätenläden, deren besondere Attraktion die antiquarischen Nautika sind: Sextanten, Steuerräder und Seekarten, Teleskope und Schwerter. Auch im Winter allerdings richten sich die Preise nach der Devise: „Wohl dem, der’s hat!“

Der Geruch von vergammelndem Kohl hängt über dem Land, wenn man sich via Dinan, Ploermel und Vannes über die Landstraßen kämpft, um in Carnac die weltberühmten „Alignements“ zu bestaunen. Nahezu alleine stapft man zwischen dem Heer von granitenen Felsblöcken hindurch, die‚ in zwölf Reihen nebeneinander aufgestellt, Mythos und Rätsel, Gläubigkeit und Angst vermitteln. Die Rufe der wenigen Besucher verlieren sich in der Weite des Geländes. Gleich daneben pflügt ein Bauer sein Feld.

Streitlustig stoßen ganze Schwärme von Möwen in die frischgezogenen Furchen hinab. Ihr Gekeife und das Tuckern des Diesels stören die geisterhafte Ruhe. Kaum senkt sich die Sonne, beginnt man zu frieren. Während der Rückfahrt färbt sich der Himmel karmesinrot, Bäume und Scheunen recken sich schwarz und schroff dem Firmament entgegen. Der Nebel wabert über den Boden, glimmt auf im Scheinwerferlicht. Ein Fuchs, eine Henne im blutigen Maul, huscht in den Watteteppich.

Bernd Späth