Im Idealfall würde ein solches intelligentes Zusammenspiel von Prävention und Restauration die Zahl der wirklich schweren akuten Krankheiten auf die unvermeidlich erblichen und unfallbedingten Fälle beschränken, für die dann mehr Kapazitäten frei wären. Auch die heute längst den Medizinbetrieb beherrschenden chronischen Krankheiten vor allem des Alters, wie Rheuma, ließen sich vermutlich vermindern, vielleicht sogar kurieren. Für den Endokrinologen Hesch sind die in der Öffentlichkeit so bewunderten oder gefürchteten Kunst- und Affenherzexperimente nur „mittelalterliche Medizin“, Auswüchse einer „Handwerksphase“. Für ihn und seine Kollegen ist zum Beispiel das Herz nicht jenes mechanistische Austauschteil, jene ersetzbare Blutpumpe der Chirurgen. Forscher haben im vergangenen Jahr herausgefunden, daß das Herz auch die Funktion einer wichtigen Drüse hat. Allem Anschein nach produziert die Blutpumpe ein Hormon, das bei der Regulierung des Kochsalzgehaltes mitspielt – und damit vermutlich auch beim Bluthochdruck, einer wichtigen Ursache von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Da hormonähnliche Botenstoffe oft sowohl im Gehirn als auch im Körper wirksam sind, liegt der Verdacht nahe, daß die beobachteten psychischen Probleme von Herzempfängern und Kunstherz-Patienten zum Teil auf die fehlende hormonelle Rückkopplung des Herzens zurückgeht.

Sorge um den Sittenkodex

Dieses Beispiel belegt, wie rasch neue wissenschaftliche Erkenntnisse die ethische Bewertung verändern können. Immerhin beginnen die Ärzteverbände zu reagieren. Seit dem 10. Oktober 1975, als in Tokio die „Revidierte Deklaration von Helsinki“ beschlossen wurde, gelten neue „Empfehlungen für Ärzte, die in der biomedizinischen Forschung am Menschen tätig“ sind. Sie kamen zustande eingedenk der grauenhaften Menschenversuche, die Nazi-Mediziner wie Josef Mengele und japanische Ärzte im Zweiten Weltkrieg an Gefangenen verübt hatten. Dieses internationale ethische Grundgesetz der forschenden Mediziner schreibt fest: „Bei Versuchen am Menschen sollte das Interesse der Wissenschaft und der Gesellschaft niemals Vorrang vor den Erwägungen haben, die das Wohlbefinden der Versuchsperson betreffen.“

Nationale Ärzte- und Forschungsverbände, so in den Vereinigten Staaten (siehe Kasten S. 18), haben sich zusätzlich einen nationalen Ethik-Kodex gegeben. Wieviel derlei Empfehlungen im Ernstfall wert sind, mußte niemand schmerzlicher erfahren als die deutsche Ärzteschaft. Schon 1931 erließ der Reichsminister des Innern „Richtlinien für neuartige Heilbehandlung und für die Vornahme wissenschaftlicher Versuche am Menschen“, die noch heute als vorbildlich gelten. In Absatz 12a) heißt es, „ein Versuch ist bei fehlender Einwilligung unter allen Umständen unzulässig“, und unter 12c) steht: „Unter diesen Voraussetzungen verbietet sich jedes grund- und planlose Experimentieren am Menschen von selbst.“ Diese Richtlinien galten auch für Josef Mengele. Sie sind 1945 der Rechtsbereinigung durch die Siegermächte zum Opfer gefallen. Mengele ließ man laufen, den Ethik-Kodex beseitigte man.

Mit schönen Deklarationen geben sich die Ärzte- und Forschungsorganisationen der westlichen Industrieländer seit mehr als einem Jahrzehnt nicht mehr zufrieden. Die Fachverbände und -Zeitschriften versuchen, ethisch zweifelhafte Forschungsberichte auszusondern. Staatliche und halbstaatliche Institutionen wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft oder die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA bemühen sich überdies, bei der Vergabe von Forschungsgeldern solche Wissenschaftler, die gegen die Richtlinien verstoßen, erst gar nicht zu bedienen. In den Vereinigten Staaten scheinen die Transplantationenchirurgen den Sittenkodex gern zu unterlaufen, indem sie sich auf den akuten Notfall herausreden. Der Affenherz-Verpflanzer von Loma Linda,. Leonard Bailey, hatte seine vorbereitenden Tierversuche weder in einem anerkannten Fachjournal begutachten lassen noch hatte er staatliche Forschungsgelder beantragt. An einer kleinen konfessionellen Universität mit privaten Spendengeldern konnte er ungestört arbeiten.

Seit Mitte der siebziger Jahre bemühen sich Kliniken und Forschungsinstitute überdies, mit freiwilligen und unabhängigen „Ethik-Kommissionen“ den Biomedizinern Entscheidungshilfen zu geben und damit auch Verantwortung zu übernehmen. Dazu der Münsteraner Gynäkologe Professor Fritz Beller: „Wir haben einen Nachhofbedarf abzudecken, zu dem nicht zuletzt die Forderung gehört, unsere Studenten in bioethischen Grundlagen auszubilden, damit nicht wieder einer Generation der Vorwurf gemacht werden muß, daß sie darin versagt hat, das Gewissen der jüngeren Generation zu schärfen.“

So lobenswert die Versuche sind, im eigenen Fach für saubere Verhältnisse zu sorgen: zuviel darf von Ethik-Kommissionen nicht verlangt werden. Hans Schaefer urteilt sehr skeptisch über die Wirksamkeit von Ethik-Kommissionen: „In der Mehrzahl der Fälle wird sich also die Kommission zwar ein Urteil anmaßen, aber es wird ein (im lateinischen Wortsinn) ,arrogantes‘ Urteil sein. Es wird eine Feldherrenstrategie einem Verein von Unteroffizieren abverlangt.