Gespür dafür, was in der Luft liegt

Josef Leinen - die Karriere eines Umweltministers Von Irene Mayer-List

Fireizeitmesse in Saarbrücken: „Das ist die Liebe im Saarland", singen voller Inbrunst die eeleute vom Shanty Chor Cuxhaven. Andächtig lauscht, umgeben von lokaler Prominenz Politikern, Verbandsvertretern, Caravanverkäufern und Fußballtrainern - auch der Rechtsanwalt und Ex Alternative Jo Leinen „Es ist wichtig, daß wir von der SPD hier herkommen", erklärt der frisch designierte saarländische Umweltminister, „damit die Wirtschaft sieht, daß wir keine Feinde sind". Adrett im dezent blau grün karierten Blazer mit passender Krawatte - nur der scheidende FDPWirtschaftsminister Horst Rehberger wat heute einen roten Schlips - schüttelt der 35jährige Leinen den Ausstellern die Hand. Er teilt ihren Kummer über fehlende Investitionsmöglichkeiten und Industrieansiedlungen. Er verspricht Besserung. Er nickt freundlich, als der größte saarländische Dosenbierbrauer auf die Bonner Politik gegen die Wegwerfgesellschaft schimpft und den neuen Umweltminister bittet, da mal in der Bundeshauptstadt einiges, klarzustellen.

. Josef Leinen, der Öko Radikale, Bürgerschreck, Chaot, vor dem die saarländischen Unternehmer zittern? Der Ex Sprecher der deutschen UmweltBürgerinitiative und Organisator der Antikern kraft- und Friedensbewegung, der Alibi Kandidat, mit dessen Hilfe Oskar Lafontaine den Grünen Stimmen abjagte? Das soll der linke Agitator sein, der hundertausende Demonstranten zum Protest gegen das Kernkraftwerk Brokdorf, den Atombrüter in Kaikar, die Frankfurter Startbahn West und die Nachrüstung mobilisierte? Der die Bundesrepublik mit der außerparlamentarischen Opposition „unregierbar" machen wollte und wegen Beamtenbeleidigung bestraft wurde?

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Ein Mensch kann sich schnell wandeln „Kompromisse liegen in der Natur der Sache", grinst Leinen zu seinem neuen Blazer „Man muß die Leute da abholen, wo sie sind "

In seiner Aktenmappe im Auto - Jutetasche und Fahrrad würden angesichts des neuen Amtes doch leicht „lächerlich" wirken - liegt bereits ein Plan seines Ministeriums. Hinter jedem Namen ist die Parteizugehörigkeit vermerkt, bunte Pfeile auf einem Zusatzblatt künden von größeren Umbesetzungen. Nein, aus seinem ehemaligen Büro des BBÜ Bundesverbandes Bürgerinitiativen Umweltschutz wolle er niemanden in sein 1300 Mann starkes Ministerium mitnehmen. Für die wichtigsten Posten - das seien für ihn Stellvertreter, persönlicher Referent und Pressesprecher - gäbe es auch im Saarland gute Leute. Auch von seinem Gehalt, daß er mit „vermutlich zehn- bis fünfzehntausend Mark brutto im Monat" angibt, plant er keine Gaben mehr an den finanzschwachen BBU - die Arbeiterwohlfahrt könne eine ständige Spende besser gebrauchen. Kein Wunder, daß die Alternativen Leinen als „Verräter" bezeichnen. Die Erklärung zu seinem Sinneswandel sind vaVor vier Monaten noch demonstrierte er als JBU Sprecher an vorderster Front gegen die amerikanische Politik in Nicaragua. Und jetzt? Bei einer Gegenveranstaltung zum Bonner Weltwirtschaftsgipfel will er nochmals auftreten, zur AntiReagan Demonstration schweigt er, gegen die Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf würde er wahrscheinlich marschieren. Eigentlich aber hat er mit der Bürgerinitiativen Bewegung längst abgerechnet. Vergangenheit. Schließlich, was haben die Demonstrationen gebracht? Die Startbahn West wurde gebaut, die Raketen stationiert und Brokdorf geht 1987 in Betrieb.

„Irgendwann erkennt man, daß die Entscheidungen auf einer anderen Ebene getroffen werden. Auch die Grünen haben sich aus der außerparlamentarischen Opposition verabschiedet", erklärt er leicht mürrisch auf die Frage nach der Glaubwürdigkeit seines raschen Szenenwechsels und zieht dann seinen Terminzettel aus der Tasche. Am Nachmittag soll ein Beamter aus dem alten Umweltministerium vorsprechen, der nach der Wahl flugs zur SPD übergetreten ist. Auch mit dem ehemaligen Umweltsprecher seiner Partei, der aus der SPD austrat, als Leinens Kandidatur feststand, will er verhandeln. Beim Abendessen schließlich soll der nordrhein westfälische Umweltminister Hans Otto Bäumer dem Regierungsneuling Ratschläge geben. Mit dem neuen Alltag hat der ehemalige Bürgerschreck Jo Leinen wenig Schwierigkeiten.

„Freunde von früher", kommentiert er beiläufig, als ihn ein älterer Herr auf einer Messe fragt, warum ihm die Grünen am Wahlabend Schwarzwälder Kirschtorte ins Gesicht geklascht hätten. „Solange es keine Salzsäure ist", murmelt er. Die Grünen: Das waren für den BBU Sprecher schon immer Bürgerkinder, so wie seine Kampfgenossen Petra Kelly und Roland Voigt, die fern der sozialen Realität ihre radikalen Forderungen stellten. Wenn alles schief ginge, würden sie eben in den Schoß ihres sicheren Milieus zurückkehren und beleidigt den von Papa finanzierten Öko Hof bewirtschaften.

Er: Das Arbeiterkind, in dessen Familie Arbeitslosigkeit, geschlossene Zechen und kleine Renten die drängenden Probleme sind, hat keine Skrupel, sich der kapitalistischen Realität anzupassen und Verantwortung zu übernehmen.

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