Von Martin Lüdke

Hoppla, dachte ich, rieb mir die müden Augen, las und las und las und merkte, daß ich eigentlich nur hoppla gedacht hatte.

„Als der Dichter Tschai die Rezitation seines flammenden Gedichts über den Weltenbrand mit dem prachtvollen Schrei, ,Feuer!‘ unterbrach, da erhob sich im Saal frenetischer Beifall. Und obwohl die Flamme die Vorhänge bereits erfaßt hatte, gab es niemanden im Publikum, dem es eingefallen wäre, daß es bei seltenen Gelegenheiten eben doch geschehen kann, daß Worte das meinen, was sie bezeichnen. So geschah es, daß die Liebhaber der Dichtkunst nicht nur den Dichter zu Tode applaudierten, sondern auch sich selbst.“ (Günther Anders: „Hoch die Kunst“)

Kein Grund zur Schadenfreude. Hier geht es um eine bitterernste, nämlich die Düsseldorfer Debatte. Günther Anders, dieser hell- und weitsichtige Denker, der schon manches Mal seine Fähigkeit bewiesen hat, Ungleichzeitiges zeitgemäß zu formulieren, ist hier (das heißt: mir) ganz zufällig hineingeraten, als Fabel-Erzähler.

Zugegeben, eine etwas verzwickte Geschichte, doch längst nicht so verzwickt wie die Vor-Geschichte, eben diese Düsseldorfer Debatte, eine „Zeitschrift für Politik. Kunst. Wissenschaft“, herausgegeben von Michael Ben, Peter Maiwald und Thomas Neumann. Seit September 1984 erscheint monatlich ein Heft, Umfang achtzig Seiten, Ausstattung schlicht, aber professionell.

Eine weitere Kulturzeitschrift also, könnte der unbefangene Leser (der seinen Kopf nicht hinter einer Zeitung verstecken muß) unbefangen meinen. Und: zu Recht. Was sich aber, von außen betrachtet, schlicht und bemüht, unprätentiös und engagiert, konsequent und unbeholfen ausnehmen mag, das birgt, von innen her gesehen, einige Sprengkraft, die den klugen Köpfen unter den deutschen Zeitungslesern einiges Kopfzerbrechen bereitet haben dürfte, und so verläuft sich wieder die Unterscheidung von innen und außen.

Das Impressum der Debatte verzeichnet eine ganze Reine (mehr oder weniger) bekannter Namen, Piwitt und Platschek etwa, Rühmkorf und Roman Ritter, Timm und Thenior, Gerd Fuchs und Georg Fülberth, Neusüss (in den späten sechziger Jahren als der „Utopie-Neusüss“ bekannt) und Michael Schneider, als den Kulturkritiker vom Dienst, der auch dabei ist. Die Beiträge sind von recht unterschiedlicher Qualität, schwankend zwischen dem Niveau besserer Schülerzeitungen, den ambitionierten Mitteilungsblättern der Volkshochschule und dem Merkur aus München. Nur ist die Debatte, im Unterschied zu solchen Organen, auf eine beeindruckende Weise ungleichzeitig/zeitgemäß geblieben oder geworden. Hier findet sich kein transatlantischer Schick und keine modische Modernität, hier wird – „Hinter dem Rücken der Avantgarde“ (wie die Zeitschriftenschau überschrieben ist) – gleich die Postmoderne favorisiert, wenn auch unfreiwillig. Der Untertitel täuscht daher etwas, denn die Konzeption ist grenzüberschreitend: die poetischen Texte, Kunst, verkünden meist lauthals die politische Botschaft, die ihnen am Herzen liegt, dafür fasziniert ein erheblicher Teil der politischen Beiträge durch seine poetische Wucht.