Da schreibt zum Beispiel Maria Vonderbank „Erlebtes“. Es liest sich auch so. Da schreibt, die bisherige lyrische Spitzenleistung, Franz-Josef Degenhardt ein großangelegtes dramatisches Poem, „Die Lehrerin und scheut weder Mittel noch Kosten, um seine Botschaft – einst: beste Absichten/jetzt: trübe Aussichten – gut „rüberzubringen“. Da schreibt Gerd Fuchs über „Die Wahrheit der Form – Die Form der Wahrheit“ und demonstriert damit nebenbei die postmoderne Einsicht, daß der Bestand jeglicher Tradition heute zur freien Verfügung steht. Seine Einsichten bewegen sich nämlich durchaus auf der Höhe der Ansichten, die in den frühen sechziger Jahren von der Provinzpresse als die Absichten Theodor W. Adornos verkauft wurden. Natürlich, ich bin ungerecht. Erstens kommt Kunst in der Debatte erklärtermaßen erst an zweiter Stelle, zuerst kommt Politik. Und zweitens, darauf komme ich zurück.

In den politischen Aufsätzen findet sich jene poetische Qualität, die der konventionell orientierte Leser (ich habe da immer diesen klugen Kopf vor Augen) an den poetischen Gebilden vermissen könnte.

Ich möchte nur zwei (von vielen möglichen) Beispielen zitieren. Besonders gut hat mir der Text von Michael Springer, „Inseln am Ende der Welt“, gefallen. Kühne Metaphern, eine kraftvolle Sprache, überaus originelle Bilder, etwa: „Das idyllische Aquarell des unternehmerischen Feierabends und zugleich das heroische Ölgemälde seiner Raubtierexistenz“ läßt bereits ahnen: „Die bürgerliche Gesellschaft pflegt sich als natürliche zu rechtfertigen“, denn: „Hoffnungsvoll wittert das Kapital hier eine Massenbasis für seine Strategie.“ Zeigen sich bei Springer Einflüsse von Botho Strauß, so schreibt Arnhelm Neusüss gegen das sanfte Gesetz an, das Handke von Stifter übernommen hat. Denn Neusüss schreibt: „Und wieder weiß der Historische Materialist, daß auch dieser Sprachregelungs-Erfolg ‚in letzter Instanz‘ (Engels) nur auf der Grundlage sozi-ökonomischer Basistrends möglich war“. Das ist Prosa.

Und das ist mehr als ungerecht. Eine willkürliche Blütenlese. Die Debatte hat solchen Hohn keineswegs verdient, denn die Diskussionen, die etwas verschroben vielleicht und sicher unzeitgemäß hier geführt werden, sind tatsächlich bitterernst. Diese Diskussionen sind auch von öffentlichem Interesse, für die Linke in der Bundesrepublik und zumal für jenen Teil der (Alt-)Neuen Linken, der aus dem Scheitern der Studentenrevolte politische Konsequenzen gezogen und sich nicht alsbald, mit Antritt der Planstelle, in die Innere Resignation verkrümelt hat. Die Redakteure und Herausgeber der Debatte, Ben, Maiwald und Neumann, waren lange Jahre Mitglieder der DKP. Neumann war sogar Referent des Parteivorstands der DKP.

So, gleichsam intern, gesehen, werden ganz triviale Einsichten plötzlich wieder brisant. Etwa Maiwalds Aphorismen: „Die Führung, die behauptet, sie irre sich nie, begeht eine Irreführung“, oder: „Die Freiheit kam eines Tages an die Stelle, an welcher der Sozialismus vermutet wurde, und verlor sich in der Weite des Raumes.“ Oder solche Sätze von Thomas Neumann: „Während ihrer kurzen Geschichte sind der Bundesrepublik viele Krisen voraus- oder nachgesagt worden, wirklich waren sie nie“. Oder die schlimmste aller Sünden, Michael Bens Versuch, mit – wie die Parteizeitung UZ schrieb – „vermeintlichen Widersprüchen zwischen der SED und der KPdSU oder zwischen Prawda und UZ zu jonglieren.“

Die DKP reagierte ganz naturgemäß und genau so prompt, wie wir es von ihr erwartet haben: Sie eröffnete ein Parteiordnungsverfahren mit dem Ziel des Parteiausschlusses und verfügte, daß bis dahin die Mitgliedschaft der drei Herausgeber „ruht“.

Es dürfen halt keine Fragen, nicht einmal die bescheidensten Fragen gestellt werden. Wer in den „Aktions- und Ausdrucksformen“ der Friedensbewegung nicht über das „Händchenhalten“ und den „Wunderkerzenzauber“ hinwegsieht, der vollzieht, naturgemäß, „den Bruch mit der DKP und ihrer Politik – und darf sich nicht wundern.