Von Joachim Nawrocki

Es ist ein gefährlicher Job“, sagt ein früheres Mitglied einer der drei westlichen Militärmissionen in Potsdam-Nedlitz. „Ein Wunder, daß nicht viel mehr passiert.“ Doch es passiert einiges bei der Tätigkeit der rund 60 amerikanischen, britischen und französischen Soldaten, die in den Militärmissionen Dienst tun und die bei der „Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland“ akkreditiert sind. Zwischenfälle gibt es öfter, auch einen Todesfall hat es schon gegeben: Vor einem Jahr wurden bei einem nie ganz geklärten Zusammenstoß mit einem DDR-Militärfahrzeug ein französischer Soldat getötet und zwei verletzt. Doch ein so kaltblütiger Totschlag wie am vorletzten Märzsonntag ist in den fast vierzig Jahren, in denen es die Militärmissionen gibt, noch nicht vorgekommen.

Nach dem jetzigen Erkenntnisstand hat sich der Zwischenfall wie folgt abgespielt: Der 37jährige Major Arthur Nicholson befand sich zusammen mit seinem Fahrer, Feldwebel Jessie Schatz, auf einer routinemäßigen Fahrt durch die DDR. Sie fuhren in einem Fahrzeug mit den üblichen Kennzeichen der Militärmissionen und trugen wie üblich Felduniform. Sie waren unbewaffnet, aber mit Photoapparaten ausgerüstet. Bei Ludwigslust im DDR-Bezirk Schwerin, an der Staatsstraße 191, hielten sie gegen 15.50 Uhr in der Nähe eines sowjetischen Stützpunktes, an einer Stelle, die bis zum Februar militärisches Sperrgebiet gewesen ist, es jedoch – auch nach sowjetischen Karten – zur Zeit des Zwischenfalls nicht mehr war. Nicholson näherte sich einem Panzerdepot und photographierte durch das Fenster eines Schuppens militärisches Gerät, während Schatz aufrecht im Fahrzeug stand und durch das geöffnete Schiebedach den Vorgang beobachtete.

Da trat ein sowjetischer Wachposten aus einem nahegelegenen Wald und gab einen Schuß auf Schatz ab, der nicht traf, dann zwei Schüsse auf Nicholson, der von vorn in die Brust getroffen wurde. Als Schatz mit einem Erste-Hilfe-Koffer zu seinem hilferufenden, blutenden Kameraden eilen wollte, wurde er von sowjetischen Soldaten mit Waffengewalt gezwungen, in sein Fahrzeug zurückzukehren und dort zu bleiben. Eine halbe Stunde später traf ein sowjetischer Sanitäter ein, half jedoch ebenfalls nicht. Nach einer Stunde war Nicholson verblutet. Das geschah 300 Meter außerhalb sowjetischen Sperrgebiets.

Erst um 18.30 Uhr wurde die amerikanische Militärmission Potsdam informiert, um 21 Uhr konnten amerikanische Soldaten den Tatort inspizieren. In einer Trauerfeier in der amerikanischen Kirche in West-Berlin sagte der Chef der Militärmission in Potsdam, Oberst Laioie, Nicholson sei für sein Vaterland „in der Schlacht gefallen, aber es war kein fairer Kampf“:

Die Beobachtung militärischer Objekte gehört zu den wichtigsten Aufgaben der alliierten Militärmissionen in Ost und West. Spezial-Ferngläser, Photoapparate, Infrarotkameras, Horchgeräte und ähnliches sind die übliche Ausrüstung der Missionsmitglieder, die, laut International Herald Tribune, zu den besten Geheimdienstleuten in Europa gehören. Das gilt für die westalliierten Soldaten in der DDR ebenso wie für die etwa 60 Sowjetsoldaten, die Verbindungsmissionen zu den Amerikanern in Frankfurt-Niederrad, zu den Briten in Bünde bei Herford und zu den Franzosen in Baden-Baden haben. Mitte 1982 erklärte der damalige Innenminister Baum auf eine Parlamentsanfrage: „Die sowjetischen Militärmissionen betreiben intensive Aufklärung von militärischen, aber auch zivilen Objekten im Bundesgebiet. Dabei verletzen sie häufig von den Alliierten festgelegte militärische Sperrgebiete.“ Im Januar 1979 schmuggelten Angehörige der sowjetischen Militärmission in Baden-Baden den aus westdeutscher Haft entkommenen DDR-Spion Reiner Fülle in einer Kiste in die DDR.

Die Sowjets, die allesamt Angehörige des militärischen Geheimdienstes GRU sind, interessieren sich nicht nur für militärische Anlagen, Kasernen, Manöver der Westmächte und der Bundeswehr, sondern auch für den Bundesgrenzschutz, für Flughäfen, Häfen, Werften und Kernkraftwerke. Im vergangenen Jahr wurden in der Bundesrepublik nicht weniger als 2477 Erkundungsfahrten sowjetischer Missionsmitglieder registriert; dabei kam es zu 98 erkannten Verletzungen militärischer Sperrgebiete, einigen Verkehrsunfällen und anderen Zwischenfällen.