Rollenwechsel
An diese Tatsache werden wir uns auch nach der Vereidigung erst noch gewöhnen müssen: Oskar Lafontaine an der Spitze einer Landesregierung, gesalbt mit den Würden des Ministerpräsidenten, der Rang und Stimme in der nationalen Politik hat. Was diese Vorstellung noch erschwert, ist weniger sein Alter; mit 41 Jahren haben hierzulande auch Politiker vor ihm schon Spitzenfunktionen besetzt. Keiner von ihnen mußte jedoch so schnell von der Rolle des jugendlichen Helden, der aufbegehrt und wider den Stachel lockt, der Visionen entwirft und Hoffnungen weckt, ins tragende Fach wechseln. Über Mangel an Aufmerksamkeit wird sich Lafontaine unter diesen Umständen gewiß nicht zu beklagen haben.
Das Interesse wird sich vor allem darauf richten, wie der erste sozialdemokratische Regierungschef des Saarlandes das schwere Erbe der christdemokratischen Vorgänger meistert. Das Stahl- und Bergbauland stöhnt unter Rekordschulden, unter Massenarbeitslosigkeit und einer lebensbedrohenden Strukturkrise.
Von Oskar Lafontaine jedoch werden manche Wunder erwartet. Hoffnungsträger zu sein, verpflichtet. Die vielen Sozialdemokraten, die in ihm bereits einen künftigen Kanzler sehen, werden sich allerdings gedulden müssen. Es führt keine Diretissima von der Saarbrücker Staatskanzlei zur Bonner Machtzentrale. Der Weg, und das dürfte der Realist Lafontaine längst wissen, ist mindestens ebenso beschwerlich wie der von der politischen Theorie zur Praxis. D. B.





