Wie Deutsche Vo Suong halfen, den Krieg zu überleben und den Frieden zu ertragen

Von Cordt Schnibben

Am 4. Januar 1968 um 13.30 Uhr wird Vo Suong auf das deutsche Lazarettschiff „Helgoland“ eingeliefert. Das Gesicht des 14jährigen ist von einer Granate zerfetzt. Irgendwo in der Nähe von Da Nang wurde er aus einem Haufen Toter und Verwundeter gezogen und zum Schiff gebracht, das im Hafen von Da Nang liegt.

Zwölftausend Kilometer entfernt, in Fischerhude bei Bremen, liest Dirk Heinrichs beim Mittagessen aus der Zeitung vor. Der Bericht über die schrecklichen Folgen eines Bombenangriffs in Vietnam erschüttert die Familie so sehr, daß der Sohn Tobias plötzlich den Vorschlag macht, ein vietnamesisches Kind aus dem Krieg nach Fischerhude zu holen.

Es wird Vo Suong sein, der schließlich bei den Heinrichs ein neues Zuhause findet. Als „nicht mehr lebensfähig“ hatte man ihn in seiner Heimat eingestuft. Er konnte nicht mehr richtig essen. Dreiundzwanzigmal müssen ihn die Bremer Ärzte in den folgenden drei Jahren operieren, bis er wieder ein halbwegs normaler Mensch ist. 1972 kehrt Vo Suong nach Vietnam zurück, in ein Land, in dem zu diesem Zeitpunkt noch immer Bomben fallen und Granaten explodieren.

Zwölf Jahre später begegne ich Vo Suong in Saigon, das nun Ho-Tschi-Minh-Stadt heißt. Sein Gesicht ist wieder zugewachsen, nur noch beim Sprachen hat er Probleme. Essen kann er normal. Er arbeitet als Fahrer für das Waisenhaus der Hilfsorganisation „Terre des Hommes“.

Schwerverletzte Kinder wie Vo Suong gebar der Vietnamkrieg zu Zehntausenden. Die meisten haben den Frieden nicht mehr erlebt. Vo gehört zu denen, die das Glück hatten, „Terre des Hommes“ in die Hände zu fallen, einer Bürgerinitiative, die sich der hilflosesten Opfer des Vietnamkrieges annahm. Vo Suong ist ein, im wahrsten Sinne des Wortes, lebendes Beispiel für den Erfolg von „Terre des Hommes“, und die Arbeit von „Terre des Hommes“ ist ein Beispiel für die Notwendigkeit von humanitärer Hilfe jenseits politischen Kalküls: Bis heute kümmert sich die Bürgerinitiative um die Kriegskrüppel, ist in Vietnam geblieben, als andere Hilfsorganisationen im April 1975 mit den Amerikanern abzogen, hilft gerade deshalb, weil die offizielle Bonner Entwicklungspolitik nicht helfen will. „Terre des Hommes“ versucht so zumindest einen winzigen Teil der Wiedergutmachung zu leisten, die vom US-Verbündeten Bundesrepublik Deutschland versprochen, aber nie eingelöst worden ist, bis heute nicht, zehn Jahre nach dem Ende des Vietnamkrieges am 30. April 1975.