Dreiundzwanzigmal operierten Ärzte in Bremen den kleinen Vietnamesen Vo Suong. Jetzt, zehn Jahre nach Kriegsende, traf ihn unser Redakteur im ehemaligen Saigon. Die Narben der Apokalypse

Wie Deutsche Vo Suong halfen, den Krieg zu überleben und den Frieden zu ertragen / Von Cordt Schnibben

m 4. Januar 1968 um 13 30 Uhr wird Vo Suong auf das deutsche Lazarettschiff „Helgoland" eingeliefert. Das Gesicht des 14jährigen ist von einer Granate zerfetzt. Irgendwo in der Nähe von Da Nang wurde er aus einem Haufen Toter und Verwundeter gezogen und zum Schiff gebracht, das im Hafen von Da Nang liegt. Zwölftausend Kilometer entfernt, in Fischerhude bei Bremen, liest Dirk Heinrichs beim Mittagessen aus der Zeitung vor. Der Bericht über die schrecklichen Folgen eines Bombenangriffs in Vietnam erschüttert die Familie so sehr, daß der Sohn Tobias plötzlich den Vorschlag macht, ein vietnamesisches Kind aus dem Krieg nach Fischerhude zu holen.

Es wird Vo Suong sein, der schließlich bei den Heinrichs ein neues Zuhause findet. Als „nicht mehr lebensfähig" hatte man ihn in seiner Heimat eingestuft. Er konnte nicht mehr richtig essen. Dreiundzwanzigmal müssen ihn die Bremer Ärzte in den folgenden drei Jahren operieren, bis er wieder ein halbwegs normaler Mensch ist. 1972 kehrt Vo Suong nach Vietnam zurück, in ein Land, in dem zu diesem Zeitpunkt noch immer Bomben fallen und Granaten explodieren.

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Zwölf Jahre später begegne ich Vo Suong in Saigon, das nun Ho Tschi Minh Stadt heißt. Sein Gesicht ist wieder zugewachsen, nur noch beim Sprechen hat er Probleme. Essen kann er normal. Er arbeitet als Fahrer für das Waisenhaus der Hilfsorganisation „Terre des Hommes".

Schwerverletzte Kinder wie Vo Suong gebar der Vietnamkrieg zu Zehntausenden. Die meisten haben den Frieden nicht mehr erlebt. Vo gehört zu denen, die das Glück hatten, „Terre des Hommes" in die Hände zu fallen, einer Bürgerinitiative, die sich der hilflosesten Opfer des Vietnamkrieges annahm. Vo Suong ist ein, im wahrsten Sinne des Wortes, lebendes Beispiel für den Erfolg von „Terre des Hommes", und die Arbeit von „Terre des Hommes" ist ein Beispiel für die Notwendigkeit von humanitärer Hilfe jenseits politischen Kalküls: Bis heute kümmert sich die Bürgerinitiative um die Kriegskrüppel, ist in Vietnam geblieben, als andere Hilfsorganisationen im April 1975 mit den Amerikanern abzogen, hilft gerade deshalb, weil die offizielle Bonner Entwicklungspolitik nicht helfen will „Terre des Hommes" versucht so zumindest einen winzigen Teil der Wiedergutmachung zu leisten, die vom US Verbündeten Bundesrepublik Deutschland versprochen, aber nie eingelöst worden ist, bis heute nicht, zehn Jahre nach dem Ende des Vietnamkrieges am 30. April 1975.

Vo Suong war 1968 das erste verletzte vietnamesische Kind, das in Bremen eintraf, durch die Eigeninitiative der Familie Heinrichs. Die, die ihm folgten, kamen über die Luftbrücke von „Terre des Hommes", Aktion „Schöne Wolke" genannt. Menschen wie die Heinrichs, die Fernsehbilder des Vietnamkrieges nicht länger wie gelähmt betrachten wollten, hatten die Bürgerinitiative gegründet und sich der internationalen Förderation „Terre des Hommes" angeschlossen, sammelten Geld für die Flugkosten der verstümmelten Kinder, beschafften Freiplätze in Krankenhäusern und bewegten Ärzte zum Verzicht auf ihr Honorar. Die Ankunft der kleinen Vietnamesen schilderte eine Mitarbeiterin von „Terre des Hommes" in einem Film der beiden Radio ßremen Journalisten Klaus Jürgen Schmidt und Michael Geyer so: „Die Kinder kamen in Decken eingewickelt aus dem Flugzeug, wurden sofort in zwei Krankenhäuser gebracht und dann erst mal ausgewickelt Sachen gewaschen, entlaust, gekämmt. Sie kamen an, wie eben Kinder aus dem Krieg kommen. Sie kamen stumm und taub zu uns. Sie waren auch erstarrt. Die Kälte war es nicht, denn in dem Kinderkrankenhaus war eine gleichmäßige Temperatur, aber sie wirkten trotzdem wie in der Kälte erstarrt. Und wir versuchten, sie aufzuwärmen, eben mit diesen leisen Berührungen. Man durfte sie auch nicht überfallen - das wäre schlimm ge wesen. Es fing so an: „Zuerst war eine tote Stille in dem Saal, wo die 17 Kinder lagen. Sie konnten kommen, wann sie wollten, es war leise. Und nach drei Wochen war so ein zwitscherndes Geräusch - Sie kennen ja die vietnamesische Sprache wahrscheinlich - dieses Zwitschern, das erfüllte den ganzen Raum "

1Vo Suong, der bei der Familie Heinrichs wohnte, brauchte zwei Jahre, um seine Scheu vor fremden Menschen zu überwinden. Viele Operationen waren nötig, um das Loch in seinem Gesicht zu schließen, und die Kiefer so wiederherzustellen, daß er essen konnte.

„Terre des Hommes" hatte inzwischen in Vechta bei Bremen ein Rehabilitationszentrum für die Kinder eingerichtet, die die Krankenhäuser verlassen konnten. Eine Pädagogin und eine Krankenschwester aus Vietnam bereiteten die Kinder auf die Rückkehr in ihre Heimat vor. Auch Vo Suong kam hierher „Er wäre hier in Deutschland immer ein Fremdling geblieben. Das war entscheidend", sagt Dirk Heinrichs.

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