Dreiundzwanzigmal operierten Ärzte in Bremen den kleinen Vietnamesen Vo Suong. Jetzt, zehn Jahre nach Kriegsende, traf ihn unser Redakteur im ehemaligen Saigon. Die Narben der ApokalypseSeite 3/3
„Wir sind darauf vorbereitet, beim Aufbau dieses gequälten und verwüsteten Landes zu helfen, wenn endlich die Waffen schweigen", sagte Kanzler Brandt, kurz bevor die Waffen schwiegen. „Wir haben keinen Pfennig gezahlt", sagte Regierungssprecher Bölling sieben Jahre später. 89 Millionen Mark Hilfe wurden, völkerrechtlich verbindlich, 1973 zugesagt. Zunächst wurde das Geld mit der Begründung nicht gezahlt, man habe sich mit der Regierung Vietnams nicht auf die Einbeziehung Berlins in ein Rahmenabkommen einigen können. Dann war es der Einmarsch vietnamesischer Truppen nach Kambodscha, der als Grund für ausbleibende Zahlungen genannt wurde, und schließlich die dramatische Flucht Hunderttausender, die das Land aus Hunger oder Angst verließen „Unser Land wird nicht den Vertreibern, sondern den Vertriebenen helfen", sagte Kanzler Helmut Schmidt 1979.
Aber: Sind die Hungernden, Verseuchten, Verkrüppelten, weil sie nicht flöhen und fliehen, Vertreiber? Sind die unterernährten Waisen im „Terre des Hommes" Heim Vertreiber? Ist Vo Suong ein Vertreiber? Fast hätte er sich selbst vertrieben. Er wollte weg aus Vietnam, mit einem Boot nach Thailand oder Hongkong. Seine Mutter war 1972 kurz nach seiner Ankunft gestorben, er hatte Heimweh nach Fischerhude, nach Wohlstand und Komfort. In Vietnam waren in den Nachkriegsjahren 30 Prozent der Menschen arbeitslos. Hunger machte sich breit, der private Handel wurde verboten und so die vor allem chinesischen Händler aus dem Land getrieben - Vietnam schien am Frieden zugrunde zu gehen.
Die Arbeit, die Vo Suong im „Terre des Hommes" Heim fand, als Fahrer und Mechaniker, hielt ihn schließlich in Ho Tschi Minh Stadt. Er heiratete eine Krankenschwester aus dem Heim, zusammen mit ihrem Kind leben sie in einem kleinen Zimmer auf dem Gelände.
1981 bekam Vo Suong Besuch. Eine Gruppe von Bundestagsabgeordneten besichtigte das Waisenhaus, unter ihnen Helga Schuchardt. Sie versprachen, sich gegenüber der Bundesregierung für die Unterstützung humanitärer Projekte in Vietnam stark zu machen. Vergeblich. Mehr noch: In internationalen Organisationen setzte sich die Bundesrepublik zusammen mit den USA für die Streichung bereits geplanter Ernährungsprogramme ein „Strangulieren" heißt das in der Sprache der Bonner Entwicklungspolitiker. Selbst der Antrag von „Terre des Hommes", die Anschaffung von Früchtemixern für die Waisenhäuser zu finanzieren, wurde mit dem Hinweis abgelehnt, dies sei ein Beitrag zur Stabilisierung eines Staates, der Truppen in Kambodscha stationiert habe.
„Die Verweigerung humanitärer Hilfe trifft nie die Mächtigen, sondern gerade die Notleidenden", schrieb „Terre des Hommes", als der Bürgerinitiatative vor einigen Jahren der Theodor HeussPreis verliehen wurde.
- Datum 26.04.1985 - 08:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 26.4.1985 Nr. 18
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