I.

Der deutsche Philosoph Ernst Cassirer war siebzig Jahre alt, als er am 13. April 1945 in Princeton NJ tot umfiel. Ein paar Jährchen jünger als das „Deutsche Reich“, hat er dessen Ende doch nur um ein paar Tage verfehlt. Es hat, wie alle untergegangenen Staaten, Menschen hinterlassen, die „es“ noch erlebt hatten, und einen Restbestand von Symbolik, um deren Deutung gestritten wird, dieses Jahr besonders heftig, weil der Zwang des kalendarischen Rituals es will. Vierzig Jahre sind in einer nach Jahrhunderten periodisierenden Kultur keine besonders denkwürdige Zahl; aber wenn die Weltlage so ist, wie sie ist, weiß man ja nicht, ob man das Halbjahrhundert noch erreicht, und ob dann noch jemand da sein wird, um zu gedenken, was 1945 war. Auch beschleunigen die vermehrten und verkürzten Kommunikationen nicht nur den Waren- und Personenverkehr, sondern auch die sozialen Orientierungen. „Der Puls der Zeit geht schneller“ soll heißen: die verfeinerte mathematische Zeitmessung bleibt nicht ohne Folgen für das subjektive „Zeitgefühl“, und da muß man mit dem Blick auf Terminkalender „etwas machen“; aber was?

So sieht man denn den Bundeskanzler Kohl, 1930 geboren, in der politischen Symbolik herummarschieren, als trüge er den Marschstiefel, den sein Parteifreund Späth ihm in der Opposition überreichte, unter dem Applaus des Parteivolkes. Vielleicht hätte er sich seinen Sprecher statt von der Bild-Zeitung von den Vierteljahresheften für Zeitgeschichte holen sollen. Hat der gute Mann nicht 1958 in Geschichte promoviert?

II.

Ernst Cassirer hat in den letzten Lebensjahren versucht, den von ihm entwickelten Begriff der symbolischen Form allgemein verständlich zu machen. In Göteborg erschienen 1942 fünf Studien „Zur Logik der Kulturwissenschaften“, in New Haven und London 1944 „An Essay on Man“ als Einführung zu einer Philosophie der Kultur. Cassirer versteht den Menschen als „animal symbolicum“, das Lebewesen, das Symbole hat. Wie Friedrich Theodor Vischer im 19. Jahrhundert vorausgedacht hat, kennzeichnet es den Menschen, daß er sich bestimmte sinnliche Einzelinhalte zu Trägern allgemeiner Bedeutung macht. Ein sinnlich wahrnehmbares Zeichen vermittelt Gedanken und Vorstellungen, und es kommt, verkürzt gesagt, in der sozialen Praxis darauf an, das Zeichen nicht für die Sache selbst zu nehmen. Wissenschaft unterscheidet sich dadurch von anderem Denken, daß sie sich des bloß symbolischen Charakters ihres Tuns ständig bewußt ist. Im Mythos und in der Religion gibt es diesen Unterschied nicht. Dort ist das Symbol die Sache, die Grenzen zwischen Wahrnehmung und Vorstellung verwischen sich. Das mythische Denken glaubt an die objektive Kraft des Zeichens. Bildzauber, Wortzauber und Schriftzauber bestimmen die magische Welt.

III.

Das ist alles viel komplizierter als es hier referiert werden kann und auch als es im „Essay on Man“ dargestellt ist; aber man begreift die politische Bedeutung der in den Hamburger Jahren, 1917 bis 1933, ausgeführten Philosophie, wenn man die Universitätsrede zur Verfassungsfeier am 11. August 1928 liest „Die Idee der republikanischen Verfassung“. Cassirer war Leibniz-Forscher, ehe er unter dem Einfluß seines Marburger Lehrers, Hermann Cohen, der weltweit wohl bekannteste Neu-Kantianer wurde. 1928 beschrieb er, wie Ideen der deutschen Aufklärung in die Kommentare des englischen Rechts eingingen, und es scheint mir, daß Cassirers Philosophie im Zweiten Weltkrieg einen ähnlichen Beitrag zur angelsächsischen Kulturtheorie geleistet hat.

In der amerikanischen Zeitschrift Fortune erschien im Juni 1944 zuerst der Aufsatz „The Myth of the State“. Das Buch dieses Titels wurde sein letztes. Es erschien 1946 in Amerika und England. Die deutsche Übersetzung von Franz Stoeßl unter Mitarbeit von Friedrich Tenbrock kam 1949 in der Erasmus-Bibliothek des Zürcher Artemis-Verlages heraus. Sie konnte die Hoffnung von Walter Rüegg nicht erfüllen, daß Cassirers Stimme „in seiner früheren Heimat und im ganzen deutschsprachigen Gebiet nach den Mißklängen allzu zeit- und existenzverhafteter Propheten als Zeugnis und Aufruf eines humanistisch verpflichteten Denkens von neuem vernommen und aufgenommen werden“ würde. Schweizer Franken waren rar, und die eben entstandene Bundesrepublik bastelte an einem anderen Mythos als dem des 20. Jahrhunderts, den Cassirer von Carlyles Heldenverehrung über Gobineaus „Rassenverehrung“ und Hegels Staatstheorie ableitete, dem Mythos des „Wirtschaftswunders“. Das Wort geht auf einen Titel von Julius Hirsch, „Das amerikanische Wirtschaftswunder“ (S. Fischer, 1926) zurück; aber die mythische Ausdrucksweise beherrschte bald das öffentliche Leben der noch einmal Davongekommenen. Kein guter Boden für Cassirer. Tatsächlich ging die Rezeption seiner politischen Philosophie im Ausland schneller vor sich als in der Bundesrepublik, in Italien, Portugal, Korea, Japan und immer wieder Amerika.

IV.

„Der Akt des ‚Benennens‘ fügt nicht bloß einfach ein konventionelles Zeichen zu einem zurechtgemachten Ding hinzu zu einem Gegenstand, der vorher bekannt war. Er ist eher eine Voraussetzung der Erkenntnis der Gegenstände, der Idee einer objektiven empirischen Realität.“ Mit dieser Voraussetzung handelt Cassirer den „Kampf gegen den Mythos in der Geschichte der politischen Theorie“ ab, um am Ende bei der Technik moderner politischer Mythenbildung anzukommen. Für Cassirer lautet die Essenz: „Unsere Wissenschaft, unsere Dichtung, unsere Kunst und unsere Religion sind nur die obere Decke einer viel älteren Schicht, die in große Tiefe hinabreicht. Wir müssen immer auf heftige Erschütterungen vorbereitet sein, die unsere kulturelle Welt und unsere soziale Ordnung bis in ihre Grundfesten erschüttern können.“ Dies um so eher, als der Mythos machbar ist und seiner Beschaffenheit nach für rationale Argumente undurchdringlich.

Die Politik hat keinen festen Boden. Der Rückfall ins Magische droht jederzeit. Die selben Leute, die 1930 den Nationalsozialismus für ein lächerliches Phantasiegebilde hielten, konnten ein paar Jährchen später nicht mehr aus dem Haus gehen, ohne ein politisches Ritual zu zelebrieren und den Hitlergruß zu entbieten. „Und genau wie in primitiven Gesellschaften bedeutete die Vernachlässigung eines vorgeschriebenen Rituals Unglück und Tod. Selbst bei jungen Kindern wird das nicht als bloße Unterlassungssünde betrachtet. Es wird ein Verbrechen gegen die Majestät des Führers und des totalitären Staates.“ Diese brutalen Symbole schützen nur den, der sich ihnen unterwirft. Die individuelle Verantwortung schwindet, die Gruppe wird „das wirkliche ‚moralische Subjekt‘“.

V.

Cassirers „Mythos des Staates“ vierzig Jahre nach seiner Niederschrift wiedergelesen, assoziiert vieles, was inzwischen durch Anthropologen, Psychologen, Ethnologen und gemischte Ansätze Allgemeingut geworden ist, oder wenigstens sein könnte. Andererseits sehen wir tagtäglich, daß der „moderne“ oder gar „postmodern“ genannte Mensch den Glauben an die soziale Magie nicht aufgegeben hat. In Krisenzeiten überläßt er sich dem Mythos, ob der nun gewachsen ist oder durch Propagandisten verkauft wird. „Die Wiederaufrüstung Deutschlands begann mit der Entstehung der politischen Mythen. Die spätere militärische Wiederaufrüstung war bloß ein Nachtrag zur Tatsache“, schreibt Cassirer 1945. Es kommt mir merkwürdig aktuell vor in mancherlei Hinsicht. Harry Pross