Nagisa Oshima in DeutschlandAlles ist möglich

Gespräch mit einem japanischenRegisseur / VonKarsten Witte

Wie ein Herrscher im „Reich der Sinne“ sieht Oshima nicht aus, eher wie der erste Angestellte seiner Produktionsfirma: unauffällig. An Sehschärfe scheint er seit den 60er Jahren nichts eingebüßt zu haben; noch immer trägt er das Brillenmodell aus jenen Tagen, als er unversöhnlich politische Filme zur Gegenwart Japans drehte. Er ist jetzt Anfang Fünfzig und sieht, wenn er lacht, viel jünger aus. Meistens lacht er nicht. Oshima kam zum Horizonte-Festival in Berlin, das den Künsten Asiens galt; er kam zum ersten Mal nach Deutschland. Im Kino „Arsenal“ diskutierte er mit dem Publikum seinen jüngsten Film „Merry Christmas, Mr. Lawrence“. Im Juni und Juli wird das Arsenal Oshimas Filme zeigen. Wir Europäer, sagte Oshima in Berlin, dächten zu vertikal, stellten uns den Himmel oben und die Hölle unten vor. Japaner aber glauben, das Paradies läge im Westen. Damit schmeichelte er keiner politischen Sehnsucht. Er machte nur aufmerksam darauf, daß sich die Dinge in Japan, ob Schiebetüren, soziale Ideen oder Filmkameras eher horizontal bewegen. Jede dieser Bewegungen greife nur soviel kaum, wie sie beanspruchen dürfe. Dieser Satz bezeugte beim Rebellen Oshima die Ökonomie der klassischen Meister. Oshima wird aber nicht aufhören, Unruhe zu stiften.

DIE ZEIT: Herr Oshima, Sie arbeiten in Paris an einem neuen Filmprojekt, das „Max, My Love“ heißen soll.

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Oshima: Die Hauptfigur ist ein Engländer, der in der Pariser Botschaft tätig ist. Seine Frau ist Französin. Eines Tages erfährt der Ehemann, daß seine Frau fremdgeht. Was er dabei entdeckt, ist, daß nicht ein Mann ihr Partner ist, sondern ein riesiger Affe.

ZEIT: „Merry Christmas, Mr. Lawrence“, Ihr jüngster Film, ist ein politisch brisanter Stoff zur Eroberungsgeschichte Japans im II. Weltkrieg. Das Thema hat sie schon in früheren Filmen beschäftigt. Wie sieht man in Japan die Kriegsschuldfrage?

Oshima: Wegen dieser Thematik wollte bei „Merry Christmas, Mr. Lawrence“ in Japan kein Prouzent einsteigen.

ZEIT: Die Story des Films ist im sexualpolitischen Sinn brisanter als im bloß historischen Sinn. Eine weitere Tabuverletzung ist doch wohl auch für die japanische Gesellschaft die Faszination der Figuren Bowie und Sakamoto füreinander.

Oshima: Im heutigen Japan wirkt das Tabu teils, teils.

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