Von Ulrich Greiner

Es war am dritten Tag des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs in Klagenfurt, als es geschah. Zwanzig Autoren hatten schon gelesen, schlechte und weniger schlechte, manchmal ganz gute Texte, aber immer noch war kein Preisträger in Sicht, immer mehr drohte das Undenkbare zu geschehen, daß kein Autor, keine Autorin sich fände, der mannhaft um Freundlichkeit bemühten Jury mit einem schönen Kunststück behilflich zu sein. Nurmehr vier Schriftsteller hatten zu lesen, und die literarische Landschaft war immer noch wüst und leer.

Draußen strahlte die Sonne überm Wörthersee, drinnen strahlten die Scheinwerfer im Sendesaal des Österreichischen Fernsehens, und Hermann Burger aus Brunegg in der Schweiz las „Die Wasserfallfinsternis von Badgastein“, ein „Hydrotestament in fünf Sätzen“, wie er es nannte, und endlich brach sich der mühsam gezügelte Begeisterungswille Bahn, konnte und durfte sich der Jubelschrei lösen, der allen elf Juroren schon längst auf den Lippen lag. Peter Härtling bekannte, er sei den Tränen nahe, und als Marcel Reich-Ranicki, der unumstrittene Chef des umstrittenen Wettbewerbs, erklärte, Burgers Erzählung offenbare einen Sprachreichtum, eine Virtuosität, die in der gegenwärtigen Literatur ohne Beispiel sei, da wußten alle: habemus papam.

Es war ein Glücksfall, daß beides zusammentraf: die immer dringlichere Not, einen Preisträger zu finden, und ein Preisträger, der wie ein Bundesligaspieler unter lauter Regionalligisten endlich vorführte, wie man Prosa auf knapper Strecke ins Ziel bringt.

Burger erzählte die Geschichte eines todkranken Nachtportiers, der in einer imaginären Rede an den Kurdirektor von einer apokalyptischen Naturkatastrophe berichtet, in der sich das Ende der Welt und zugleich ein tröstlicher Sieg der Kunst ankündigt. Denn in dem plötzlich und schrecklich versiegten Gasteiner Wasserfall entdeckt der Nachtportier die verschollene Gasteiner Symphonie Schuberts – die Partitur eingraviert und eingeschliffen in den Fels. Die Katastrophe entbindet die verloren geglaubte Kunst.

Das war nun in der Tat ein wahnwitziges Artistenstück, das sich in vertrackten Wortkaskaden über die Zuhörer ergoß, und nur Joachim Kaiser meldete leise Bedenken an, sprach von „losgelassener Virtuosität“ und fand die Kaskaden allzu schäumend. Er war der Einzige, der in der öffentlichen Schlußabstimmung nicht für Burger stimmte. Kaiser votierte für eine eher stille und kleine Erzählung von Margit Irgang aus München, konnte sich aber nicht durchsetzen. Den zweiten Preis erhielt die junge, noch ganz unbekannte Birgit Kempker aus Hildesheim, für eine Erzählung, die schön und leichtfüßig Reales und Surreales mischte, den dritten bekam Ginka Steinwachs (Frankfurt). Stipendien gingen an Lilian Faschinger aus Graz und Dante Andrea Franzetti aus Zürich.

Der Ingeborg-Bachmann-Preisträger Hermann Burger, offenbar selber ein von vielen Nachtgedanken Verfolgter, sagte zum Dank nur den einen Satz: „Der Nachtportier erlebt einen schönen Tag.“ Und es herrschte am Ende, wie immer in Klagenfurt, eine aufgeregte Fröhlichkeit, halb Abiturientenfeier, halb Heiliger Abend.