Von Karl-Heinz Janßen

Hamburg, im Juli

Freisprache hat niemand erwartet im Hamburger Prozeß um 60 gefälschte Hitler-Tagebücher. Aber dem ehemaligen stern-Reporter Gerd Heidemann will partout nicht einleuchten, daß’er noch zwei Monate länger ins Gefängnis soll als der geständige Tagebuch-Fälscher Konrad Kujau. Dieser wiederum fühlt sich durch das hohe Strafmaß in seiner Künstlerehre gekränkt, hat er doch sein Fälscher-Kunsthandwerk – so der Vorsitzende in der Urteilsverkündung – mit einer „Explosion von Fleiß“ betrieben.

Die Große Strafkammer 11 des Landgerichts befand die beiden des schweren Betrugs, Kujaus Lebensgefährtin Edith Lieblang der Hehlerei für schuldig, entdeckte aber zugleich so viele strafmildernde Umstände, daß sich die Freiheitsstrafen zwar an der Obergrenze, aber noch innerhalb des normalen Strafrahmens bewegten: vier Jahre und sechs Monate Freiheitsstrafe für den Militaria-Händler Kujau, vier Jahre und acht Monate für seinen stern-Kunden Heidemann. Kommentar eines alten Gerichtshasen: „Einfach nach der Daumenregel: für jede verschwundene Million ein Jahr.“

Frau Lieblang, die in den neun Prozeßmonaten eher ein Aschenputteldasein führte, bekam acht Monate aufgebrummt, weil sie Kujau „Absatzhilfe“ für seine Einnahmen leistete, so beim Erwerb von Immobilien; doch soll die Strafe zur Bewährung ausgesetzt werden.

Bei Kujau zog das Gericht zwei Strafen zusammen – einmal wegen Betrugs in Tateinheit mit Urkundenfälschung, begangen an dem schwäbischen Fabrikanten und NS-Reliquiensammler Fritz Stiefel, sodann wegen Betruges am Hause Gruner + Jahr. Gerichtsvorsitzender Hans-Ulrich Schnieder: „Einem Niemand aus Stuttgart ist es gelungen, ein Blatt wie den stern nachhaltig zu schädigen.“ Heidemann hat das Gericht mehr oder weniger die Versicherung abgenommen, daß er, wie alle Mitwisser in Redaktion und Verlag, bis zuletzt an die Echtheit der von ihm beschafften Tagebücher geglaubt habe. Für erwiesen hielt das Gericht jedoch, daß sich Heidemann auf Kosten des Verlages – durch Vorspiegelung falscher Preise – bereichert habe.

Wo nun die 9,32 Millionen des stern genau geblieben sind, die für den Schwindel bezahlt wurden, vermochte auch das Gericht nicht aufzuklären. Für widerlegt hält das Gericht Heidemanns Behauptung, er habe alles auf Heller und Pfennig an Kujau abgeführt. Immerhin vermutet es bei Kujau rund 2,7 Millionen Mark, genau das, was er vom stern-Reporter verlangt habe und ungefähr soviel, wie der Fälscher und seine Lebensgefährtin in ersten Vernehmungen selber überschlagen hatten.