Kümmerliche Notizen

von Karl-Heinz Janßen

Rauschnings „Gespräche mit Hitler“ – wie ein Schweizer Lehrer nach 45 Jahren einen Schwindel auffliegen ließ

Von Karl-Heinz Janßen

Über der grotesk-blamablen Affäre um die gefälschten Hitler-Tagebücher im stern ist fast gänzlich unbeachtet geblieben, daß gleichzeitig eine andere Fälschung aufgedeckt wurde, die viel nachhaltiger auf die öffentliche Meinung und die internationale Zeitgeschichtsforschung eingewirkt hat: die „Gespräche mit Hitler“ des ehemaligen Danziger Senatspräsidenten Hermann Rauschning. Er hat ganze Generationen historisch interessierter Zeitgenossen und ungezählte Historiker in die Irre geführt. Seine falschen Hitler-Zitate stehen bis heute in den Schulbüchern, schmücken Festreden und Leitartikel und waren noch jüngst in einer Morgenandacht zu hören. Allein in der Hitler-Biographie von Joachim Fest werden Rauschnings erfundene Gespräche und Aussprüche mehr als fünfzigmal zitiert.

Dem Spürsinn und der Hartnäckigkeit des Schweizer Bezirkslehrers Wolf gang Hänel ist es zu danken, daß dieser Schwindel nach 45 Jahren endlich aufgeflogen ist. Seine Forscherleistung verdient um so mehr Anerkennung, als er gerade von einem bekannten westdeutschen Historiker, der von Hänels Schrift anscheinend nur Vorwort und Schluß gelesen hat, in fast beleidigender Form angegriffen wurde. Der Lehrer aus der Schweiz hatte nämlich gegen den Comment der Gelehrtenrepublik verstoßen: Seinen Vortrag bot er nicht dem alteingesessenen Institut für Zeitgeschichte in München an, sondern einem jüngeren Konkurrenzunternehmen, der Zeitgeschichtlichen Forschungsstelle in Ingolstadt. Was schwerer wog: Er ging mit dem (in diesem Frühjahr gestorbenen) Nestor der deutschen Neuhistoriker, Theodor Schieder, scharf ins Gericht, warf ihm sogar „Versagen“ vor.

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Wer war dieser Mann?

Schieder hatte 1972 eine Studie über Rauschnings Hitler-Buch vorgelegt, mit dem schon recht bemerkenswerten Schluß, daß die „Gespräche mit Hitler“ kein Quellendokument sind, „von dem man wörtliche und protokollarische Überlieferung Hitlerscher Sätze und Sentenzen erwarten darf, so vieles auch darin diesen Erfordernissen entspricht. Es ist ein Dokument, bei dem sich objektive und subjektive Momente vermischen und Wandlungen der Meinung des Autors über seinen Gegenstand mit in diesen Gegenstand eingegangen sind.“ Dennoch meinte Schieder feststellen zu können: „Sie sind aber ein Dokument von unbezweifelbarem Quellenwert insofern, als sie Deutungen enthalten, die aus unmittelbarer Einsicht (Sperrung – D. Z.) erwachsen sind.“

Eben das aber ist höchst zweifelhaft. Denn zum engsten Kreis Hitlers hat der ehemalige Nationalsozialist Rauschning nie gehört; der Partei ist er erst 1931 beigetreten; als Intellektueller und früherer Deutschnationaler war er eher suspekt. Warum wohl sollte Hitler diesem Außenseiter aus Danzig, der selten genug nach Berlin oder Berchtesgaden kam, zum Beichtvater erkoren, ihm seine geheimsten Gedanken anvertraut haben?

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