Mit 20 Millionen Gesamt-

Von Fritz J. Raddatz

Fritz J. Raddatz: Sie haben einmal gesagt, eigentlich finge jedes Interview mit der Frage in „warum schreiben Sie?“ Ich muß Sie enttäuschen, damit fange ich nicht an. Ich fange aber an mit der Frage, wer schreibt da eigentlich, wer steht hinter dem Pseudonym Dürrenmatt? Mal nennen Sie sich: „ein religiöser Mensch.“ Mal nennen Sie sich: „ein Anarchist.“ Mal identifizieren Sie sich mit der Minotaurus-Gestalt: „der glückliche Narziß.“ Das sind viele Benennungen. Wer steckt hinter den Rollen?

Friedrich Dürrenmatt: Eine komplizierte Frage. Im Grunde spiele ich. Immer, wenn ich eine Rolle schreibe, spiele ich sie auch.

F.J.R.: Ich weiß, Sie haben auch einmal irgendwo gesagt: „Jede Rolle bin ich.“ Geht das überhaupt? Kann man Heiliger und Hure zugleich sein?

Dürrenmatt: Nicht zugleich, nacheinander. Sokrates hat gesagt, daß er sich auch im Verbrecher widergespiegelt sieht. Wenn ich ein Stück schreibe, identifiziere ich mich mit den verschiedensten Rollen. Ich gehe nie von einer Theorie aus. Etwa, daß man nicht den allwissenden Schriftsteller Wielen solle, wenn man schreibt. Das ist mir schön deshalb fremd, weil es ja selbstverständlich ist, daß man in dem Moment, wo man schreibt, den Allwissenden spielt.

F.J.R.: Ein bißchen der liebe Gott?