Von Norbert Jochum

Die Satzung der „Kleist-Stiftung“ vom 18. März 1912 nennt als ihre Aufgabe, „aufstrebenden und wenig bemittelten Dichtern deutscher Sprache, Männern und Frauen, Ehrengaben zu gewähren“. Jährlicher Mitgliederbeitrag: zwei Mark. Die einmalige Zahlung von 100 Mark sicherte lebenslängliche Mitgliedschaft in der im Vereinsregister eingetragenen Stiftung.

Das ist schon fast alles, was an gesicherter Kenntnis über den Kleist-Preis überliefert ist. Wie hoch die jährliche Preissumme war, ist oft nicht mehr festzustellen. Zuckmayer hat sein Preisgeld, das er mit keinem (der meist üblichen) Preis-Zwillinge teilen mußte, genannt: fünfzehnhundert Mark. In anderen Jahren lesen wir von zweimal siebenhundert oder tausend oder zwölfhundert Mark, die vor dem Ersten Weltkrieg vergoldet wurden mit einer „freien Auslandsreise der „Hamburg-Amerika-Linie“. Dieser Werbe-Coup rief sofort die Konkurrenz auf den Plan: Auch der „Norddeutsche Lloyd“ gewährte ein Reise-Stipendium, so daß die beiden Preisträger der ersten Jahre nicht in einer Doppel-Kabine in See stechen mußten.

Besser überliefert als Nachlaß und Kapital der von den Nazis zerschlagenen Kleist-Stiftung ist der Streit, den es von Anfang an um den neuen Preis gab, (nachzulesen in dem von Helmut Sembdner 1968, herausgegebenen Band „Kleist-Preis 1912-1932, eine Dokumentation“; Erich Schmidt Verlag, Berlin). Kritiker von rechts und links schossen sich auf die Kleist-Stiftung ein, die mit einem Ein-Mann-Preis, der auch noch ein Förderpreis für junge Schriftsteller war, schockierte. „Talentpäppelei“ – so höhnte schon in der Woche nach dem Aufruf Fritz Engels im November 1911 die Welt am Montag. Das war noch zahm, wenn man nachliest, was ein Herr namens Kämpfer in der Deutschen Tageszeitung vom 20. November 1911 von sich gab. Mit dem schielenden Auge des Rassenfanatikers starrt dieser Dumpf-Deutsche auf die Liste der Unterzeichner des Aufrufs, errechnet „über die Hälfte jüdischer Rasse“ und warnt: „für einen nationalen Mann kann es nur heißen – Hände weg!“

In Herwarth Waldens Kampfschrift des Expressionismus, Der Sturm, tobte Kurt Hiller gegen „die alten Schmieranten, die zum Kampf für Jugend und Genius blasen. Welch eine ohrfeigenwürdige Jahrhundertsheuchelei!! Die Blattlaus will das Grünen schützen ... Ja, sind sie es denn nicht gewesen, die vor hundert Jahren Kleist in den Tod getrieben haben?“ Die Stiftung ist ihm ein „der wirklichen Kunst feindliches Unternehmen, eine Schweinerei, auf die in einem Kulturstaat Zuchthaus stünde“.

Die Zeitschrift für Bücherfreunde fragt mit dem Blick auf offenbar überfüllte Bücherregale: „Wollen wir die Welt mit Dichtern übervölkern“ und hört schon „Kulturdrohnen“ brummen. Die Tägliche Rundschau, gut deutsch, warnt davor, „für gutes Geld eine Flut von arbeitsscheuen Halbtalentchen aufzupäppeln“ und mit „Alpenkräutermilch“ den wirklichen Genius zum „Fürsorgezögling der Nation“ zu machen.

So schlimm ist es nicht geworden. Die Liste der mit dem Kleist-Preis ausgezeichneten Autoren kann sich sehen lassen. Mancher bei seiner Ehrung kaum dem Namen nach bekannte Autor zählt heute zur Weltliteratur. Der letzte noch lebende Preisträger (des Jahres 1927) ist der 1900 geborene Hans Meisel. Er – wie so viele dieser Ehrenliste – wurde nach 1933 verfolgt, mußte emigrieren, arbeitete unter anderem als Sekretär Thomas Manns in Princeton und wurde in den USA zu einem angesehenen politischen Wissenschaftler – als James H. Meisel.