Die vierzig Jahre kommen mir wie eine Ewigkeit vor. Trotzdem ist die Vorstellung, daß alles erst so kurz zurückliegt, unvorstellbar.“ (Iris, 10. Klasse, Gymnasium).

Die Reise in die Vergangenheit muß ganze Generationen und Gefühlswerte überbrücken. Nicht die Eltern der Schüler, sondern die Großeltern waren die Zeitgenossen Hitlers.

Das KZ-Struthof liegt bei Obernai im Elsaß, hoch oben in den Vogesen. Weit weg von der nächsten menschlichen Ansiedlung war dieses KZ noch mehr als andere Lager in den vierziger Jahren eine unkontrollierte Triebwildnis hinter Stacheldraht. Mit jeder Serpentine, die sich der Bus mit den Schülern zum Struthof hinaufquält, läßt man Waren-Glamour und Disco-Gehämmer hinter sich.

Ganz von selbst wird es stiller: Gespräche drehen sich um den bevorstehenden Besuch, bekannte Bilder aus den Geschichtsbüchern und Filmen drängen hervor. Trotzdem: Bis zum Schluß wird das Grauen unvorstellbar bleiben. Im doppelten Sinn: unvorstellbar, weil das Geschehen weit weg ist; unvorstellbar, weil man sich vor der Imagination wehrt wie vor der Pest, weil Gewaltbilder infizieren.

„Ich glaube, daß ich bisher noch nicht so ganz begriffen habe, was damals alles wirklich geschah. Aber ich habe auch Furcht davor, es alles zu sehen.“ (Peter, 10. Klasse). Angst macht blind. Diese Video-Generation, die dafür bekannt ist, daß sie Gewaltszenen gleich dutzendweise konsumiert, macht die Augen zu bei den Archivphotos von Leichenbergen und medizinischen Experimenten. Auf Umwegen und allein nähern sich die Schüler den Bildern. Quälend lange dauert es, bis der ausgeschabte Brustkorb einer Leiche erkannt wird. Scham überkommt den Lehrer, solche Geschichte unterrichten zu müssen. Plötzlich wird alles zum grauenvollen Geheimnis, ein Fleck zu Blut, eine rote Blüte in einem verschlossenen, einsehbaren Raum zu Fleisch.

Immer dünnhäutiger gehen alle umher: Den meisten scheint es nun makaber, daß gegenüber der Gaskammer ein Gartenrestaurant mit rotkarierten Gardinen steht – „Le Struthof“. Bei der Abfahrt denkt keiner mehr an Bier und Musikkassetten. Christine Richard