Von Klaus Viedebantt

Im Südpazifik braut sich etwas zusammen. Unter den jagenden Wolkenfetzen der ersten Frühjahrsstürme rüstet sich eine Flottille privater Yachten zum Auslaufen aus dem Hafen von Auckland, vorbei am Wrack der „Rainbow Warrior“. Kurs: Mururoa-Atoll; die Boote wollen dort das neue Greenpeace-Schiff im September treffen. Die Terroraktion des französischen Geheimdienstes hat das Gegenteil dessen bewirkt, was sie beabsichtigte: Greenpeace segelt nun mit dem Rückenwind weltweiter Publizität und Sympathie in das Atomtestgebiet von Französisch-Polynesien. Neuseelands Premierminister David Lange, dessen Ruhm als Anti-Atom-Prophet zu bröckeln begann, hat bei seinen Landsleuten neuen und stärkeren Rückhalt als je zuvor. Die von Neuseeland und Australien geführten Inselstaaten des Südpazifik einigten sich wenige Tage nach dem Anschlag von Auckland auf die Einrichtung einer atomwaffenfreien Zone zwischen Indonesien und Südamerika, zwischen Äquator und Antarktis.

In Neuseeland, den Milch- und Wolle-Inseln „am schönsten Ende der Welt“ (Werbeslogan), wollte man den Verdacht eines Geheimdienstverbrechens, der in Paris sehr schnell aufkam, zuerst nicht teilen. Im Gegenteil, die Neuseeländer befürchteten, nun sei auch ihre entlegene Idylle zum Aufmarschgebiet des internationalen Terrorismus geworden. Die laschen Sicherheitskontrollen auf den Flughäfen wurden verschärft, die Interpol-Steckbriefe aus den Akten gefischt. Die kooperativen Gendarmen aus Paris, Tahiti und Neukaledonien, die alle Hilfe bei der Jagd nach den Tätern versprachen, bestätigten den Terroristenverdacht. Als aber immer mehr Spuren der Tat nach Paris wiesen, wurden die (wegen der pazifischen Atomtests ohnehin gespannten) Beziehungen zu Frankreich schwer angeschlagen. Die Labour-Regierung in Wellington wartet jetzt auf den offiziellen Bericht aus Paris; wenn er so ausfällt, wie es den Anschein hat, will Neuseeland Frankreich vor dem Internationalen Gerichtshof verklagen oder vor der UNO brandmarken.

Unmittelbar nach dem Anschlag von Auckland war Lange von seinen Landsleuten bestürmt worden, das zerstörte Greenpeace-Schiff durch ein neuseeländisches Kriegsschiff zu ersetzen, so wie die letzte Labour-Regierung vor mehr als zehn Jahren die Fregatte „Otago“ nach Mururoa entsandt hatte. Vor einem Jahr hätte der hitzköpfige Rechtsanwalt David Lange, der mit seinem Anti-Atom-Programm überraschend die Wahl im Juli 1984 gewann, vielleicht sogar die Marine in Marsch gesetzt. Aber das Echo auf seinen Beschluß, atombewaffneten und -angetriebenen Schiffen die neuseeländischen Häfen zu sperren, hat den Politiker bedächtiger gemacht. Washington, das einen gleichartigen Beschluß der vorangegangenen Labour-Regierung noch kommentarlos übergangen hatte, sah jetzt die Grundlagen des ANZUS-Paktes (Australien-New Zealand-USA) gefährdet und versuchte Wellington politisch zu isolieren. Lange mußte sich in Schadensbegrenzung üben, mußte eine Anti-Atompolitik als „nur für den Hausgebrauch“ etikettieren: „Es gibt keine zweite strategische Lage wie die Neuseelands. Wir sind hier in einem Teil der Welt, der tatsächlich nicht atombewaffnet ist. Es gibt nicht viele Staaten, die sich diesen Luxus leisten können. Es ist ein Luxus“, sagte Lange zur ZEIT. Er fuhr fort: „Wir können nie hingehen und jemandem, beispielsweise in einem kontinental-europäischen Land, raten: Mach’ es wie Neuseeland! Vielleicht folgen sie unserem Beispiel, vielleicht. Aber ich predige es ihnen nicht.“

In der eigenen Region propagierte er seine Anti-Nuklearpolitik dafür um so mehr: Ein atomfreier Südpazifik ist sein großes Ziel. Doch im eigenen Land wurde die Gefolgschaft des Regierungschefs und Laienpredigers geringer. Lange schien es zu gehen wie bisher allen neuseeländischen Labour-Premiers: Er bekam die Wirtschaftsprobleme des Agrarlandes nicht in den Griff. Zunächst verdrängten noch andere Themen die Probleme; nach der ANZUS-Debatte beherrschte die geplante Reise der Rugby-Nationalmannschaft nach Südafrika die Schlagzeilen; innenpolitisch standen ein Führungskampf in der konservativen National Party-Opposition und die Selbstzerstörung der kleinen „dritten Kraft“, der New Zealand Party, im Vordergrund. Doch im August ließ sich die ökonomische Misere nicht mehr übersehen: Die Inflationsrate stieg auf über 16 Prozent, die höchste Rate seit Kriegsende, und die Kreditzinsen erreichten die 20-Prozent-Marke. Da detonierten die Bomben am „Rainbow Warrior“. Seither steht die Bevölkerung wieder kritiklos hinter ihrer Regierung. Der Zorn der Neuseeländer über die nukleare und koloniale Arroganz der Franzosen ist grenzenlos.

Das Attentat von Auckland bestimmte den Verlauf des „South Pacific Forums“ in Rarotonga, der Hauptstadt der Cook Islands: Die dreizehn Staaten des Forums folgten dem umstrittenen Vorschlag Langes zur Einrichtung einer atomfreien Zone auf ihrem Staatsgebiet. Wirtschaftliche Sorgen hatten vor allem Fidschi und Tonga zögern lassen, zuzustimmen; denn die Atommächte USA und (über die europäische Gemeinschaft) Frankreich sind die bedeutendsten Handelspartner beider Inseln. Das südpazifische Übereinkommen erlaubt zwar immer noch Besuche von US-Atomschiffen und hindert nicht die australischen Uranausfuhren. Es ist aber dennoch ein wichtiger Etappensieg für die Neuseeländer und ihre Bundesgenossen in Melanesien, den Solomon Islands und Vanuatu. Der Präsident von Französisch-Polynesien, Gaston Flosse, spürte als erster die neue Politik. Er wurde nicht einmal als „Beobachter“ zur Forums-Tagung zugelassen.

Frankreich wird aber auch selber die Auswirkungen der Konferenz von Rarotonga spüren, denn die Forum-Staaten gründeten ein Komitee, das die Dekolonialisierung Neukaledoniens verfolgt und – bei Hindernissen – vor die UN-Vollversammlung bringt. Neukaledonien ist, da sind sich die südpazifischen Politiker einig, nur ein Schritt; langfristig müsse auch die Dekolonialisierung Tahitis und Französisch-Polynesiens vorangetrieben werden, wenn Paris seine Atombombentests auf dem Mururoa-Atoll nicht einstelle. Die bevorstehende Konfrontation zwischen Umweltschützern und französischem Militär im Mururoa-Archipel wird diesem Konflikt weltweite Publizität geben.

Es sei eine traurige Ironie, sagte David Lange nach dem Anschlag des französischen Geheimdienstes, daß die tückische Gewalt gegen das Leben der Greenpeace-Schiffsbesatzung nun die Aussichten auf die Verwirklichung ihres Vorhabens verbessere: „Viele Menschen, die nicht in die Ecke der Greenpeace-Kämpfer gegangen wären, stehen nun mit ihnen im Ring.“