Von Esther Knorr-Anders

Vor gut dreißig Jahren, Ende Januar 1954, kamen ins Lager Friedland in Omnibussen Heimkehrer aus Rußland. Viele Jahre Zwangsarbeit lagen hinter ihnen. Einer der Heimkehrer war der 25jährige Eberhard Pautsch. Neun Jahre zuvor hatte er als Hitlerjunge das Kriegsende in einem kleinen schlesischen Ort erlebt. Ein Stein war ihm vom Herzen gefallen, als die deutsche Wehrmacht kapitulierte. Endlich sollte Schluß sein mit dem Ausheben von Schützen- und Panzergräben. Befreit war er auch von der Sonderverpflichtung, im Falle von Feindbesetzung in einer Gruppe von Jugendlichen und Fünfzigjährigen als Partisan kämpfen zu müssen. Bei der Auswahl für diesen Einsatz waren von 120 Schülern nur fünf für körperlich geeignet gehalten worden. Der nicht ganz 16jährige Eberhard Pautsch hatte dazugehört.

Nach der Kapitulation hatten die wenigen zur Wehrmacht nicht eingezogenen Männer seines Heimatortes beschlossen, nicht zu flüchten. Ein Treck hätte durch russisch besetztes Land führen müssen oder durch tschechische Gebiete. Als entscheidend für den Entschluß, dazubleiben, erwies sich, daß die Heimatgemeinde unzerstört geblieben war. Die Einwohner klammerten sich an die Hoffnung, die Russen würden sich nicht so verhalten, wie nationalsozialistische Propaganda es vorausgesagt hatte. Übrigens wurde das von vielen Deutschen geglaubt.

Dann aber, am 20. Mai, kam der erste Schock. Von berittener Soldateska wurden alle Männer bis zum fünfzigsten Lebensjahr nach Glatz getrieben. Zwar kehrten sie anderntags wohlbehalten zurück, doch drei Tage später umstellten Russen das Elternhaus des Eberhard Pautsch, verhafteten den Vater, beschlagnahmten Lebensmittel und Kleidungsstücke. Mutter und Sohn waren überzeugt, die Verhaftung sei irrtümlich erfolgt. 48 Stunden später erkundigten sich ein sowjetischer Oberstleutnant und ein deutsch sprechender Feldwebel bei der Mutter nach weiteren Familienangehörigen. Sie erbat ihrerseits Auskunft über ihren Mann. Offizier und Dolmetscher zeigten sich bereit, Nachforschungen einzuleiten. Dazu müsse aber, der genauen Protokollangaben wegen, der junge Pautsch mit ihnen fahren. „Anschließend kommst du gleich wieder zurück“, lautete die Versicherung. Es wurden zehn Jahre.

Anfangs glaubte der Junge, er sei, wie sein Vater, Opfer eines Irrtums. Er glaubte es auch dann noch, als er in Habelschwerdt in einen Keller gesperrt wurde. Die eigens gezimmerten Holzverschläge waren nicht noch genug, um einen Erwachsenen aufrecht stehen zu lassen. Pautsch mußte in eine solche Kiste kriechen. Aus dem gegenüberliegenden Verschlag rief ihm ein anderer Gefangener zu: „Du warst doch auch bei dem Sonderkommando!“ Und das hieß: Teilnehmer an der Partisanenausbildung. Deshalb saßen sie jetzt hier.

Nach Tagen vielstündiger Vernehmungen wurde Pautsch mit älteren Männern in das Glatzer Gefängnis transportiert. Nunmehr folgten nächtliche Vernehmungen. Um durchzustehen, redete Pautsch sich ein, ihm würde auf Grund seiner Jugend wenig Schuld angelastet werden. Entsetzen packte ihn und 35 weitere Häftlinge, als das Militärgericht die Urteile verkündete. Fast die Hälfte der Angeklagten wurde zum Tode verurteilt; Eberhard Pautsch zu zwanzig Jahren Zwangsarbeit.

Der Elendsweg begann. Pautsch wurde von Gefängnis zu Gefängnis, von Glatz nach Liegnitz, nach Lemberg, Charkow, dann nach Dnjepropetrowsk transportiert. Der inzwischen Sechzehnjährige, ausgemergelt durch Magen- und Darmerkrankungen, gequält von der Furcht, entweder von Wachmännern oder von Mithäftlingen erschlagen zu werden, wurde eine gespenstische Erscheinung in Dnjepropetrowsk, einem berüchtigten „Verschiebebahnhof“ für Massen politischer Häftlinge aller Nationen. Diese Haftanstalt wurde innerhalb ihrer Mauern nicht von NKWD-Angehörigen (Volkskommissariat für Inneres) beherrscht, sondern von russischen Mitgefangenen, das heißt von Berufsverbrechern, Mördern, Räubern, Dieben. Diese blatnyje folgen ihren eigenen, kriminellen Gesetzen. „Unter der Menge auf engstem Raum zusammengepferchter, zerlumpter, verdreckter und körperlich heruntergekommener Häftlinge bewegten sich die blatnyje, wohlgenährt und gut gekleidet als gekrönte Häupter auf ausreichendem Liegeplatz – natürlich an der Fensterwand. Den großzügigen Platz verschafften sie sich ohne Widerspruch.“ Ihnen mußten die anderen Häftlinge Kleidung und Nahrung abliefern. Schickte eine russische Familie ihrem Angehörigen ein Paket, bestimmten die blatnyje, was der Empfänger behalten durfte. Wie alle übrigen unterstand auch Pautsch einem blatnoy, dem er auf Gedeih und Verderb ausgeliefert war.