Von Benedikt Erenz

Wenn am Mittwochabend gegen zehn Uhr die Ansagerin erscheint, nervös im Gesicht, und schluckend darum bittet, daß der Zuschauer nicht erschrecken möge, aber der nun folgende Film sei in Schwarzweiß mit violettem Grünstich, die Darsteller leider kaum zu erkennen und die Musik sehr falsch, was „aber nicht an Ihrem Gerät liegt“ und weshalb es auch zwecklos sei, den Apparat zu kippen oder auf den Kopf zu stellen oder Wasser hineinzugießen – ja, dann ist es Zeit, die Kinder ins Bett zu bringen und den Hund anzuschnallen, dann ist es Zeit für „Das kleine Fernsehspiel des ZDF“.

Tatsächlich ist es kaum zu glauben, daß dieses rechteckige Glasauge neben der Yucca-Palme dort derselbe Apparat sein soll, aus dem eben noch Wim Thoelke winkte und Hans Rosenthal die über Nacht zur Legende gewordene, frisch verheiratete Stabhochspringerin darum bat, ganz viele Wasservögel zu nennen, die mit „Q“ anfangen. Diese possierlichen Momente, diese köstlichen Augenblicke sind mit einemmal wie nie gewesen, die Ansagerin erscheint, nervösen Antlitzes, und eine ferne, völlig unbekannte Fernsehwelt tut sich auf. Keine Stabhochspringerinnen und keine Wasservögel, kein Bundespräsident, immer klatschend, in der ersten Reihe, und keine Marika Rökk in der Hauptrolle. Andere Stimmen. Andere Namen flimmern im Vorspann über den Schirm: Ulrike Ottinger, Herbert Achternbusch, Heike Sanders, Sohrab Saless, Alexander Kluge, Chantal Akerman, Bill Douglas, Safi Faye – und es beginnt ein Film, nein: eine Vision, ein Spuk, ein Alptraum, eine Himmelfahrt, die den Glotzer zum Zuschauer machen und das Zuschauen zum Abenteuer.

Dabei ist es nicht nur das kleine Fünf-Prozent-Häuflein der fanatisch Kulturbeflissenen, das sich auf jeden Fall und immer auch noch den eintausendneunundzwanzigsten Venedig-Bilderbogen zu Gemüte führt, sondern es sind gute sieben bis zehn Prozent der Fernsehzuschauer, die jetzt noch, die Tischchen hochgeklappt und die Lehnen senkrecht gestellt, in ihrem Wohnzimmer zum Start ansetzen, zu einem 40-Minuten- oder 2-Stunden-Flug durch die Bilder, die Gedanken und Phantasien eines ihnen völligunbekannten Menschen.

Seit über zwanzig Jahren, seit 1962, gibt es dieses Abenteuer nun, gibt es auch die Redaktion des „Kleinen Fernsehspiels“ beim ZDF. Damals, in den sechziger Jahren, in der Hochzeit des Kurzfilms, bewirtschaftete man nur ein schmales Sendeplätzchen im Nachmittagsprogramm. Seit 1970, als der Kurzfilm an Energie zu verlieren begann, inszenieren und betreuen Ressortleiter Eckart Stein und sein Team im späten Abendprogramm Fernsehspiele, die so klein oft gar nicht sind. Die Oberen des ZDF hatten in einer der wenigen hellen Minuten, die auch ihnen vergönnt sind, ein Einsehen für die Idee eines „Kleinen Hauses“ im Keller des großen Staatsschauspiels und statteten die Redaktion mit genügend Mitteln aus, um auch Leben auf die Bühne zu bringen.

Doch weniger an ein Theater als mehr an einen Verlag erinnert die Arbeitsweise des „Kleinen Fernsehspiels“. Denn es werden keine fertigen Stücke inszeniert, keine abgedrehten Filme eingekauft, sondern man produziert selbst. Vierzig Spielfilmen, Kamerafilmen, Dokumentarstreifen, Videostücken haben die Mainzer im letzten Jahr zur glücklichen Premiere verhelfen, mit Schecks zwischen dreißigtausend und fünfhunderttausend Mark. Insgesamt gibt es eine Torte von zehn Millionen Mark zu verteilen. Die Namensliste der von der Redaktion in den letzten Jahren geförderten, zum Teil oder zur Gänze finanzierten Produktionen liest sich wie das Who’s who der internationalen Filmavantgarde. Es gibt keinen anderen Platz im deutschen Fernsehen, wo so konsequent Film-Kunst riskiert wird wie hier. Mit großem Erfolg, mit Triumphen – und völligen Flops.

„Wir sind häufig selbst überrascht“, bekennt Eckart Stein freimütig, „was für ein Mist manchmal herauskommt.“ Es gehört zum Prinzip der Redaktion, die Verwirklichung einer einmal von ihr abgesegneten Filmidee ganz den Ideehabern zu überlassen, vom ersten Wort des Skripts bis zur letzten Zeile des Abspanns. Welch eine Chance, sich selbst zu verwirklichen, welch eine Chance, sich gründlich zu blamieren! „Wir helfen auch mit Rat, aber wir reden nicht rein.“