Von Fritz J. Raddatz

Mit Siegried Lenz ist die Literaturkritik unsanft umgegangen. Seine Bücher wurden fast immer Erfolge gegen erbosten und hämischen Einspruch der „Fachleute“. Da ging die Rede von „Blässe der Erfindung“ oder der „Unkenntlichkeit durch zuviel Beschreibung“, vom Klischee, das die Kunst verjagt habe, oder der Sprache eines zufriedenen Ruheständlers.

Das Vergehen des Romanciers Siegfried Lenz ist offenkundig: Er schreibt lesbare Bücher, bedient sich einer bildkräftigen, plastischen Sprache, ohne Zierat. Diesen „Untugenden“ ist, er auch im neuen Buch treugeblieben –

Siegfried Lenz: „Exerzierplatz“, Roman; Hoffmann und Campe, Hamburg, 1985; 464 Seiten, 38,– DM.

Die klirrenden Schmähreden der Kritiker im Ohr, stellt man verblüfft fest: hier will jemand ganz einfach und unumwunden eine Geschichte erzählen; und verbirgt gar nicht die Absicht, uns zu belehren. Beides gelingt. Siegfried Lenz hat ja viele Male erklärt: „Ich glaube, daß Literatur von einer unwillkürlichen didaktischen Energie getragen wird; selbst in hermetischer Lyrik lassen sich noch didaktische Impulse erkennen.“ Anderswo nannte er Literatur eine „erhabene Denunziation der Welt“. Man muß ihn an der eigenen Ambition messen, nicht an Lautreamont.

Das Wort Exerzierplatz fällt bei Siegfried Lenz – wenn ich es recht überblicke – das erste Mal 1977 in einem Interview „Zur Person“; die Passage liest sich wie eine Erzählung: „Ich wuchs am Lycksee auf, fischte für mein Leben gern. Mein Vater war Zollbeamter. Ich hatte die Möglichkeit, besonders in den Ferien, den See ganz allein für mich zu erkunden. Das tat ich, soweit es mir möglich war. Im Winter konnte ich mit Schlittschuhen zur Schule fahren, im Sommer konnte man ein Stück schwimmen; das war ein herrliches Leben damals. Aber zugleich wurde ich Zeuge der Aufrüstung: Wir hörten fast jeden Tag von mehreren Exerzierplätzen, die Lyck umgaben, das Hämmern der Maschinengewehre und die Kommandos. Natürlich nahmen wir Jungen daran wie an einem Indianerspiel teil. Nachdenklich wurden wir erst mit fünfzehn, sechzehn Jahren, als der Krieg schon eine Weile dauerte und wir Pennäler in Wehrertüchtigkeitslager gebracht wurden, wo wir regelrecht auf den Krieg vorbereitet wurden.“

Dieser Exerzierplatz liegt nun in Schleswig-Holstein. Ein Max Grundig der Gärtnerkunst hat daraus eine üppig gedeihende Baumschule gemacht – ein Typ, selber so vertrackt wie seine knorrigsten Bäume. Die Geschichte dieser Landnahme – eine keineswegs aufdringliche Metapher für das, was Johannes R. Bechers DDR-Nationalhymne „Auferstanden aus Ruinen“ nennt – erzählt der einfältige Gehilfe Bruno. Ihm hat der „Chef“ im Krieg das Leben gerettet, seitdem gehört dem sein Leben, seine Arbeit, seine Liebe. Weil Bruno die an die Pflanzen wendet, ist er bald der beste Gärtner des gigantisch gewachsenen Unternehmens; von allen gehänselt, benutzt, getreten, vom wortkargen „Chef“ im Testament als Erbe des fettesten Grundstücksteils eingesetzt.