Von Rolf Michaelis

Kleist-Preis? Ach ja: Kleist-Preis! Aber wissen tust Du nix. Ich auch nicht. Wohin gehen wir, wenn wir lernen wollen, wie geachtet der Preis war, von dem Literaturgeschichten erzählen, er sei die berühmteste Auszeichnung eines Schriftstellers in Kaiserreich und Weimarer Republik gewesen? Nein, nicht in die Bibliothek. Wir gehn ins Wirtshaus.

An einem Januartag des Jahres 1925 folgen wir Carl Zuckmayer durch Berlin. Wo wird der Weg des gerade neunundzwanzigjährigen Dramatikers enden, der heute den Kleist-Preis erhalten hat für sein drittes Bühnenstück, „Der fröhliche Weinberg“? In einem Weinkeller. Und wir sind dabei. In seiner Lebensgeschichte „Als wär’s ein Stück von mir“ (1966) erinnert sich der Autor, der es lieber mit den randvollen als mit den zerbrochnen Krügen hatte, an den Kleist-Preis-Tag:

„Der Kleist-Preis galt als höchste literarische Auszeichnung für junge Dramatiker. .. Wir waren zuerst völlig erstarrt – dann tanzten wir mit dem Kind wie die Affen in der Wohnung herum. Mit der Zehnuhrpost kam in einem eingeschriebenen Brief der Scheck (fünfzehnhundert Mark). Sofort lösten wir ihn ein und begaben uns, mit dem Geld in der Tasche, auf einen Triumph- und Einkaufsbummel durch die Stadt. Von Kopf bis Fuß kleideten wir uns neu ein. Am Abend hatten wir noch so viel, daß wir ganz groß essen gehen konnten ... und ich wollte vom Rest des Preisgeldes meine Schulden bezahlen in einem intimen Restaurant des Berliner Westens mit deliziöser Küche. Wir bestellten alles, was wir uns sonst nicht leisten konnten, Vorspeisen, Rehrücken, herrlichen Wein, Dessert. Als wir nicht mehr konnten, verlangte ich vom Kellner die Rechnung, und zwar alles, was ich dem Lokal schuldig sei. Statt dessen erschien der Besitzer, Herr Hacker, an unserem Tisch – von dem Preis war vorher kein Wort erwähnt worden –, verbeugte sich höflich vor meiner Frau und sagte dann zu mir: ‚Ein Herr, der den Kleist-Preis bekommen hat, hat keine Schulden.‘ Damit zerriß er sämtliche von mir früher unterschriebenen Zettel, einschließlich der heutigen Rechnung.“

Was der Wirt wußte, die Wissenschaftler haben es vergessen – und wir andern erst recht. Kleist-Preis? Mythos, Legende, Gerücht. Bestenfalls plappern wir die Falschmeldung nach, ein Preisträger habe, wie beim Staffellauf, dem nächsten die Auszeichnung weitergereicht.

Die Nazis sind auch daran schuld. Nicht nur Menschen haben sie vernichtet, sondern auch die Literatur – und noch unsere Erinnerung an den vor zwei Menschenaltern berühmtesten Preis des Landes. Kleingeister im Preis-Kommitee haben als Handlanger mitgewirkt.

Ja, es war ein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, der sich hundert Jahre nach Kleists Selbstmord am Kleinen Wannsee durch den Tod des unglücklichen, selbst von den meisten seiner Schriftstellerkollegen verkannten Dichters erschüttern ließ. Wie so oft in der Geschichte unserer Kultur hatte ein deutscher Jude mehr Gespür für Umbrüche in der Gesellschaft, also auch in der Kunst, und für die Not der jungen, von der Menge (noch) verlachten Autoren als seine auf dem Exerzierplatz, am Biertisch lärmenden christlich deutschnationalen Kollegen. Es war halt nicht einer der „großen“ Namen, der am 13. November 1911 unter dem Aufruf „Des Dichters Gedächtnis“ im Berliner Tageblatt stand, sondern der des heute unbekannten und vergessenen Publizisten Fritz Engel.