Von Hansjakob Stehle

Nairobi/Casablanca, im August

Am strohgedeckten Hochaltar, an dem der Papst die Messe zelebrierte, tanzten zum Klang afrikanischer Buschtrommeln junge Mädchen, auch einige Nonnen. Gerade hatte Johannes Paul II. in seiner Predigt gleichsam sich selber zitiert (aus einem Dokument der Römischen Bischofssynode von 1981): Polygamie widerspreche radikal dem christlichen Eheverständnis ebenso wie Empfängnisverhütung und Abtreibung, wichtig hingegen sei kirchliche Anleitung zu „verantwortlicher Elternschaft, einschließlich der Methoden natürlicher Familienplanung und der Gründe für ihre Anwendung“. Doch unter den 25 schwarzafrikanischen Hochzeitspaaren, die der Papst dann an diesem festlichen Sonntag in Nairobi kirchlich traute, waren nicht nur der stramme Unteroffizier Rajula und seine Frau Wilfrieda, die schon vierzehn Jahre „Probeehe“ und fünf Geburten hinter sich hatten, sondern auch der Katechet Robert und seine 19jährige Braut Anna, die auf dem Rücken ihr schreiendes Baby zum Papst trug – unter frohem Gelächter hunderttausender Gläubiger, die den Papst als Symbolfigur einer besseren Welt jubelnd empfangen hatten.

Daß Theorie und Praxis auch in Afrika zweierlei sind – und dort auf besondere Weise –, hat der Papst gewiß schon vor seiner dritten Reise auf den Schwarzen Kontinent gewußt. Wahrscheinlich hat er gerade deshalb zu den brennenden kirchlichen wie sozialen Problemen der sechs Länder, die er besuchte, fast nirgendwo präzise, konkret Stellung bezogen, sondern ist ihnen ausgewichen, meistens indem er sich aufs Grundsätzliche zurückzog. Schließlich ist nicht er – wie ihm gedankenlose Kritiker vorwerfen – an der katastrophalen Bevölkerungsexplosion schuld, schon gar nicht in Ländern, wo seine Gläubigen nur eine Minderheit bilden (in Kenia und Togo kaum über zwanzig Prozent, in Kamerun 27, in Zaire 43 Prozent). Und Kenner der Verhältnisse versichern, daß weder jene Methoden der Geburtenkontrolle, die der Papst für „künstlich“ hält, noch jene, die er als „natürlich“ betrachtet und die beide einen gewissen Bildungs- und Wohlstand voraussetzen, die afrikanische Kinderfreude (und Kindernot) bremsen könnten.

Ist aber mit nur prinzipiellen Ermahnungen, mit dem Wiederholen bekannter Moral- und Glaubenssätze in mehr wortreichen als inhaltsschweren Predigten den katholischen Afrikanern und ihrem Klerus gedient? Solche besorgte Fragen konnte man auf dieser Reise selbst von manchem schwarzen Bischof hören, der freilich auch wiederum den Vorteil erkannte, daß der Papst vieles offen ließ und den lokalen Stammessitten einen Spielraum gab. So sagte er vor der Bischofskonferenz von Kamerun: „Ich habe nicht die Absicht, ein komplettes Bild der Aufgaben zu entwerfen ... Meine Rolle ist bescheidener, ich habe eure Gemeinde nicht gegründet, ich freue mich, sie zu besuchen und zu bestärken... Und ich weiß, daß sie in guten Händen sind.“

Manche Gemeinplätze – wie etwa die beiläufige Warnung vor „Konsumismus“ in Ländern mit durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen zwischen jährlich 220 Dollar (Zaire) und 1700 Dollar (Elfenbeinküste) gerieten ins Peinliche. Der eigentliche Teufel aber steckte auch für Afrikas Kirche in dem vom Papst eher gemiedenen Detail. So erklärte in Yaounde der 72jährige Benediktinerprior Otmar Bauer, der seit über dreißig Jahren in Afrika tätig ist: „Der Papst müßte Kontakt haben mit dem konkreten Leben der Priester und ihren Sorgen; der Zölibat ist und bleibt ein Problem.“ Vergebens habe er den Erzbischof und den Nuntius in Kamerum gebeten, ein Gespräch darüber auf das Programm zu setzen.

Auch in Zaire war der schwarze Kardinal Malula an solcher Diskussion nicht interessiert, denn er hatte, ohne auf den Papst zu warten, schon vor Monaten öffentlich erklärt, daß „unüberwindliche Schwierigkeiten“ sogar bei den Laien ein christliches Eheleben fast unmöglich machten. Und was würde erst eine Lockerung der Zölibatsvorschrift für Priester bedeuten? Pater Bauer, der für ein „afrikanisches Kirchenrecht“ plädiert, antwortet: „Gott weiß! Schon vor dreißig Jahren sagten die Seminaristen, wenn man da auch nur einen Türspalt öffnet, gibt es in Kürze im Pfarrhaus die Vielweiberei.“ Schon hat ein schwarzer Theologe, Isodor Tabi, eine Doktorarbeit über „Das Sakrament der Polygamie“ veröffentlicht – und sein Bischof schrieb dazu das Vorwort.