Hörenswert

George Gershwin: „Rhapsody in Bitte“, „Variations“, Suite ans „Porgy and Bess“. Es ist schon eigentümlich, wie die Neigung zu und gegen Gershwin pendelt. Mal ist der flott-frech-aufmüpfige Rhythmus verlockend, mal die rückfällige Sinfonik suspekt, mal der Jazz im Klassikgewand aufregend, mal die in philharmonische Penibilität verstrickte Banalität uninteressant. Das „Tertium non datur“ der Logik gilt nicht in der Kunst, der „third stream“ allerdings hat seine Probleme: Gershwin war da eine einsame, inzwischen von der Legende noch verklärte Erscheinung. Aber selbst mit ihm tun sich „gewachsene“ Philharmoniker schwer, die Berliner zumal. Alexis Weissenberg hingegen zeigt uns, wie es swingt auch im festen Metrum, wie ein feeling aufkommt in einer Linie, wie die Akkord-Verfremdungen genau zwischen den beiden „Lagern“ plaziert sind. Aber auch, daß alle Jazz-Elemente letztlich der Romantik entstammen – und das große Gefühl schleift sich über die blue note ein. Andererseits trommelt und knallt uns Weissenberg die Klänge scharf um die Ohren – „Porgy and Bess“ ist schließlich zwar eine rührselige Geschichte, aber der „Fall“ ist von brutaler Härte. (Alexis Weissenberg/Karl Leister, Klarinette/Berliner Philharmoniker, Leitung: Seiji Ozawa; EMI 7 47 152 2) Heinz Josef Herbort

Vorzüglich

Nils Lofgren: „Flip“. Das Poprock-Wunderkind, das jüngst Bruce Springsteen bei dessen Mammut-Tournee aushalf, ist inzwischen auch schon 33 Jahre alt. In „King of the Rock“, einer seiner neuen Kompositionen, singt er: „Eighteen or ninety – I’ll be rockin’ ’til Im dead!“ Aber im Grunde seines Herzens ist er immer noch der von Liebeskummer geplagte Teenager, der sich seine romantischen Illusionen nicht nehmen lassen möchte. „Dance your troubles out on the floor / Soul release, our world needs more“ fordert er den Zuhörer auf („Sweet Midnight“), und Zweifel am amerikanischen Traum kommen erst bei den letzten drei Songs der Platte auf, dem bluesigen „New Holes In Old Shoes“, dem von Springsteen inspirierten „Dreams Die Hard“ (Anklänge, an den Sound der E Street Band sind kaum zu überhören) und „Big Tears Fall“, einer melancholischen Ballade mit unvermuteten Wendungen zu Moll-Tonarten. Mehr als einmal erinnert „Flip“ an jene beiden hervorragenden ersten Platten, die Lofgren in den frühen siebziger Jahren mit der Gruppe Grin einspielte – ein déja vu von der angenehmsten Art! (Ariola 207 041)

Franz Schüler