Von Cornelie Sonntag

Das Gebäude an der Rathenaustraße in Wuppertal atmet Betriebsamkeit. Vor der Eingangstür parkt ein grüner Transporter. Im Flur stapeln sich Demonstrationsschilder mit handgemalten Slogans wie „Sippenhaftung – Pfui“, „Grundrechte und Pflegegeld, keine Almosen“ und „Armut im Alter – Schande für Deutschland“. In dem Versammlungssaal im Parterre treffen sich einmal wöchentlich an die hundert alte Menschen und diskutieren.

Das Haus ist die Bundeszentrale des „Senioren-Schutzbundes – Graue Panther“ und beherbergt Büro, Kleidersammelstelle, Photoarchiv. Vor allem aber lebt hier die Vorsitzende Trade Unruh gemeinsam mit zwölf Mitstreitern, ihren Mann Helmut eingeschlossen, in einer WG., einer Wohngemeinschaft, ganz nach Art jüngerer Leute.

Da steht sie auf dem Treppenabsatz, eine tatendurstige Sechzigjährige, robust an Statur und Wesensart, schlagfertig und deftig in der Wortwahl. Da mein Blick auf ein angepinntes Photo fällt, das eine Panther-Kundgebung gegen die Aussparung der vor 1921 Geborenen von der Anrechnung eines Erziehungsjahres auf die Rente zeigt, kommt Trade Unruh flugs zur Sache. Ja, über das Schicksal der Trümmerfrauen werde sie bald ein Buch schreiben. Diese skandalöse Benachteiligung, „da kannste doch nicht ruhig bleiben“. Nach wenigen Minuten duzt sie ihr Gegenüber, unterstreicht ihre Worte hin und wieder mit einem Tippen auf die Schulter. „Wir wollen die Armen aufmüpfig machen“, sagt sie.

Gerade zehn Jahre ist es jetzt her, daß sie den Verband gründete. Am 22. August feiert er Jubiläum. Seither kennt man auch in der Bundesrepublik den Anblick weißhaariger Demonstranten, die mit Happenings, Belagerungen und Straßenaktionen Proteste oder Forderungen anmelden, Mißstände anprangern und sich mit verklebten Mündern gegen Bevormundung und fehlende Mitspracherechte wehren.

Trade Unruh gehört zu den Menschen, die aus persönlichen Erlebnissen und Erfahrungen politisches Handeln herleiten, weil Ärger und Empörung lange und grimmig genug in ihnen wühlen, um sie anzutreiben. Von einer „wahnsinnigen Wut im Bauch“ erzählt sie, die sie immer wieder packte. Zum Beispiel darüber, daß sie als Frau eines Geschäftsmannes, der immer wieder versetzt wurde, an den Problemen ihrer Söhne (heute 26 und 30 Jahre alt) merkte, wie ungeeignet unser Schulsystem für häufige Umzüge ist.

1968 trat sie, unter dem Eindruck von Persönlichkeiten wie Gustav Heinemann und Willy Brandt, in die SPD ein. Alsbald engagierte sie sich für die Rechte der Frau, protestierte gegen den damaligen Parapraphen 218 und allzu vorsichtige Reformer innerhalb der eigenen Partei. „Den Jahn hab’ ich voll anjegriffen.“