Von Carl-Christian Kaiser

Noch sind Kanzler und Kanzleramtsminister im Sommerurlaub. Das bedeutet für den Stallwächter in der Regierungszentrale mehr Akten und mehr Arbeit. Aber mit dem ganzen Spektrum der Politik zu tun zu haben, das ist Horst Teltschik schon aus der Zeit gewohnt, als Helmut Kohl noch die Opposition im Bundestag anführte. Und in Wahrheit sind die zusätzlichen Aufgaben nur Beiwerk, denn gerade in diesen noch ruhigen Wochen konzentriert er sich um so mehr auf seine eigentliche Arbeit. Der Leiter der Kanzleramtsabteilung für auswärtige und innerdeutsche Beziehungen, Entwicklungspolitik und äußere Sicherheit bereitet sich auf seine neue SDI-Mission in den Vereinigten Staaten vor.

Die Bedeutung dieser Mission läßt sich kaum überschätzen. Denn es geht ja nicht nur darum, Klarheit über Inhalt und Formen einer deutschen Beteiligung an dem amerikanischen Forschungsprogramm zu gewinnen, dessen militärische Ziele einen gewaltigen technologischen Schub auszulösen versprechen. Von der deutschen Teilhabe werden vielmehr auch weitreichende andere Entscheidungen beeinflußt: Über das tatsächliche Schicksal von Eureka und der europäischen Technologiegemeinschaft, über eine spezielle europäische Verteidigungsinitiative, über das Engagement bei Weltraumvorhaben mit den Namen Columbus, Hermes und Ariane.

Vieles davon ist nicht nur politisch noch umstritten, es steht vor allem auch finanziell noch in den Sternen. Wo sollen und müssen Prioritäten gesetzt werden? Wie könnte ein Gesamttableau beschaffen sein? Im Grunde geht es um Entscheidungen, die mit der wirtschaftlichen und industriellen Zukunft der Bundesrepublik bis weit ins nächste Jahrhundert hinein zu tun haben – was auch in dem Sinne gilt, daß die deutschen Entschlüsse das Verhalten anderer europäischer Regierungen beeinflussen, wenn nicht sogar bestimmen werden.

Zwar hat sich die Bonner SDI-Delegation, zusammengesetzt aus 18 Vertretern der Industrie und Forschung sowie aus zwölf hohen Ministerialbeamten, schon in der vergangenen Woche in Klausur vorbereitet. Auch haben Teltschik und einige Beamte bereits im Juni bei einer ersten Erkundungsmission in Washington Fragen hinterlassen, auf die es nun verbindliche Antworten geben soll. Außerdem wird die neue Delegation, aufgeteilt in vier Gruppen, in ausgewählten Industriezweigen und Forschungseinrichtungen vor Ort herauszufinden versuchen, wie weit die amerikanischen Pläne schon gediehen sind. Immerhin gab der Delegationsführer Teltschik jetzt schon ganz klare „Zusicherungen“ Washingtons bekannt: SDI-Forschung finde nur im Rahmen des ABM-Vertrages statt; vor einer Entwicklung und Stationierung würden die Verbündeten konsultiert; vorher soll auch mit Moskau verhandelt werden; durch SDI soll die Sowjetunion nicht gezwungen werden, ihr „nukleares Offensivpotential auszuweiten“.

Die Konsequenzen der Bonner Mission in Amerika sind dennoch offen. Sie können auf ein Rahmenabkommen der Regierungen über die SDI-Zusammenarbeit ebenso hinauslaufen wie auf den Vorschlag, ein memorandum of understanding oder nur einen Briefwechsel zwischen Bonn und Washington ins Auge zu fassen oder aber an eine rein privatwirtschaftliche Kooperation zu denken. Und so sehr eine Rahmenvereinbarung obenan steht, so ausschlaggebend bleibt doch, ob es zu einer wirklichen Zweibahnstraße, zu einem Austausch von Produkten und Blaupausen und nicht zu bloßen deutschen Zulieferungen kommt, zu Unteraufträgen, deren technologischer Nutzen für die eigene Industrie womöglich durch amerikanische Geheimstempel noch mehr eingeengt würde. Da gibt es bisher einige dicke Fragezeichen.

Bei so vielen Risiken und Ungewißheiten erscheint die Erkundungsreise manchen fast wie eine Expedition in einen neuen Wilden Westen. Horst Teltschik ficht das nicht an. Er hat immer auf sich selber vertraut – schon ganz früh vertrauen müssen. Das war schon so, als die Familie Teltschik bei Kriegsende aus den östlichen Sudeten nach Bayern flüchtete und am Tegernsee, in einer keineswegs von vornherein freundlichen sozialen Umwelt, vom Nullpunkt wieder anfangen mußte. Der Vater, vorher ein kleiner Selbständiger, begann als Hilfsarbeiter.