Wer eine „Weltkonferenz über Hochbegabte und Talentierte Kinder“ nach Hamburg ausschreibt, muß damit rechnen, den dortigen Schulsenator Joist Grolle am Kampfplatz zu finden. Grolle, das wissen wir seit langem, setzt seine Dogmen ohne Rücksicht auf Wesen und Gefühl der Kinder durch. Darüber war in der ZEIT zu lesen. Glücklicherweise stoppt ihn das Hamburgische Verwaltungsgericht häufig. Doch seine Rede auf jener Konferenz abdrucken? Das hätte die ZEIT ihm nicht antun sollen (Nr. 34, S. 27).

Aus Grolles Rede: In Deutschland habe es nie an der Förderung von Leistung und Eliten gefehlt. „Wir hatten die besten Ingenieure, wir hatten das beste Industriemanagement, wir hatten nicht zuletzt die besten Generalstabsoffiziere.“ Aber an der Moral habe es gefehlt: „Wir hatten zu wenig Gemeinsinn, Humanität und Zivilcourage.“ Und: „Das Dritte Reich tobte sich in Europa wie eine außer Kontrolle geratene Leistungsexplosion aus.“

Gewiß: Wir hatten gute Techniker (die besten saßen freilich seit langem in den Vereinigten Staaten). Und die Generalstabsoffiziere haben nun schließlich zwei Kriege verloren. Unser Industriemanagement war nicht schlecht, aber nicht besser als das anderer Industriestaaten. Rang hatte die deutsche Medizin, so daß noch heute in Japan medizinische Lehrbücher in deutscher Sprache existieren. Die verschwinden jetzt, unsere medizinischen Leistungen sind weit hinter denen der Amerikaner zurückgeblieben. Wer Hilfe gegen Aids sucht, fährt auch schon nach Paris. Gerade glauben die Amerikaner, ein neues Mittel gegen Leberkrebs und vielleicht Aids gefunden zu haben. Jede neue Erfindung schafft tausend Arbeitsplätze. Erfinden aber ist die Sache der Hochbegabten.

Wir haben uns schon bis 1933 in der Welt gut behauptet. Unser Anteil an den Nobelpreisen weist das aus; er ist jetzt drastisch gefallen. Ersten Rang hatten damals unsere Chemiker. Von der Leistung der Großväter lebt unsere chemische Industrie noch heute. Man sollte an die vielen hunderttausend Chemiearbeiter denken: Die leben davon, daß auch heute noch einige Spitzenchemiker besser sind als die der Amerikaner und Japaner. Aber Wahnsinn und Verbrechen des Dritten Reiches der guten Ausbildung der Deutschen zur Last zu legen? Das ist eine Behauptung, die ich schon für nicht mehr anständig halte.

Grolle zitiert aus einem Vortrag Hitlers vor dem Industrieclub in Düsseldorf am Vorabend des Dritten Reiches: „Denn die Größe eines Volkes ergibt sich nicht aus der Summierung aller Leistungen, sondern letzten Endes aus der Summierung der Spitzenleistungen.“ Das heißt: Die Leistung von uns Normalbürgern zählt nicht. Da werden die Verrücktheiten Hitlers uns, die wir für eine bessere Ausbildung stehen, als Motiv untergeschoben.

Die „Weltkonferenz“ war einberufen von den in aller Welt, vor allem in den Vereinigten Staaten gegründeten Vereinen, die hochbegabte Kinder fördern. Zweck der Konferenz: Erfahrungsaustausch. Wie wählt man aus; was ist für die begabten Kinder zu tun; was kann ihnen schaden? Mit vollendetem Takt schickte der Hamburger Senat zur Konferenzbegrüßung einen Senator, dem bei „Hochbegabung“ nur Adolf Hitler einfällt. „Denen habe ich es aber gegeben“, wird sich Grolle gesagt haben – nachdem er auf der Konferenz Hamburgs Charme vor der Welt ausgebreitet hatte.

Grolle: „In welchem Umfange hat eine Gesellschaft das Recht, ihre Erfolgsbedürfnisse bereits ihren Kindern aufzudrücken? Grolle müßte nun eigentlich wissen: Begabtenförderung wird nur gewährt, wenn sie gesucht wird. Das gebietet nicht nur der Respekt vor der Autonomie des Kindes, sondern schon die Zweckmäßigkeit; aufgedrängte Bildung wird nicht akzeptiert; das Kind wird sie abschütteln, sobald es frei ist; und alle Mühe war vergeblich.