Von Ulrich Stock

Wackersdorf

Es war einmal ein Mann aus Altenschwand bei Wackersdorf im Landkreis Schwandorf, drei Tagesmärsche östlich von Nürnberg, der zog Jahr um Jahr mit einer Plastiktüte in den Wald, um Pilze zu suchen. Und Jahr um Jahr ward er ungestört fündig und kehrte frohen Herzens heim mit seiner Plastiktüte.

Willi aus Altenschwand, vierzig Jahre alt, Familienvater und Hausmeister, hatte letztens gerade fünf Pfifferlinge beisammen, als zwei Polizisten aus dem Gebüsch traten. Der eine trug eine Maschinenpistole, der andere fragte Willi, ob er sich ausweisen könne. Und dann wollten sie in seine Plastiktüte sehen. „O Kruzifix!“ flucht Willi, wenn er davon erzählt und ist ganz außer sich. „Ich bin hier aufgewachsen, jeden Baum kenne ich und nun so was.“

Hans Schuierer, Landrat von Schwandorf, bestätigt, daß es „Dutzende solcher Fälle“ gegeben habe. Einige Spaziergänger seien sogar aus dem Wald gewiesen worden. Warum finden sie ihre Schwammerl auch ausgerechnet da, wo die Deutsche Gesellschaft zur Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen – kurz DWK – ihre Wiederaufarbeitungsanlage – kurz WAA – errichten will? Dort werden sie künftig sowieso nichts mehr zu suchen haben.

Wenn die WAA 1995 steht, soll sie aus jährlich maximal 500 Tonnen abgebrannter Brennstäbe von Atomkraftwerken spaltbares Uran zurückgewinnen. Ein teures und umstrittenes Projekt. Sechs Milliarden sind veranschlagt, zehn könnten es werden. 800 000 Bäume müßten der WAA geopfert werden und, so sagen die Gegner, die Gesundheit der Anwohner, denn selbst im störungsfreien Normalbetrieb, entweichen strahlendes Jod, Krypton und Tritium über die 200 Meter hohen Schornsteine in die Umgebung.

Die Befürworter in den umliegenden Gemeinden sind angetan von den zu erwartenden Gewerbesteuereinnahmen in Millionenhöhe und von der Aussicht auf über 1000 Arbeitsplätze für die strukturschwache Region. Diese Arbeitsplätze freilich werden mit 375 000 Mark pro Beschäftigtem die höchstsubventionierten in der Geschichte der Bundesrepublik sein. Der zuständige Planungsausschuß des Bundesrates hat die Weichen gestellt, mit den Stimmen der SPD-regierten Länder Hamburg und Bremen, sehr zum Ärger der bayerischen SPD.