Die weißen Afrikaner wollen nicht wahrhaben, daß die Zeit gegen sie arbeitet

Von Andreas Kohlschütter

Präsident P. W. Botha hat gesprochen. Sein arroganter, vor Selbstgefälligkeit nur so strotzender Auftritt lähmte, die Parteiclique ausgenommen, jeden Applaus. Der südafrikanische Staatspräsident ließ sich auf keine der Minimalforderungen ein, wie sie gemäßigte Schwarze und liberale Weiße vorgebracht hatten, weder auf die Freilassung des „African National Congress“ (ANC)-Führers Nelson Mandela, noch die Aufhebung des Ausnahmezustandes. P. W. Botha ging vorige Woche in keinem Punkt über die bereits Anfang 1985 abgegebenen, unbefriedigend vagen Aussagen hinaus. Nichts Neues darüber, wie, wann, mit wem über die Einbeziehung der schwarzen Bevölkerungsmehrheit in den südafrikanischen Verfassungsrahmen verhandelt werden soll. Keine Abschaffung der prohibitiven Zuzugsbestimmungen (Influx control) und Paßgesetze, die den Schwarzen Arbeitssuche und Niederlassung außerhalb der ihnen zugeteilten Homelands wesentlich erschweren. Keine Klärung der Rechtslage jener bereits zugezogenen zehn Millionen, die die schwarzen Townships überfüllen und bis zum Jahr 2000 auf fünfzehn Millionen anwachsen werden. Keine einheitliche südafrikanische Staatsbürgerschaft für alle Schwarzen, zumindest nicht für die Bewohner der „unabhängigen“ vier Homelands Bophuthatswana, Transkei, Ciskei und Venda (vier Millionen). Schroffe Ablehnung des allgemeinen Wahlrechts (one man one vote) in einem Einheitsstaat sowie einer eigens für die Schwarzen bestimmten Parlamentskammer. Alles wie gehabt.

„Machtteilung ohne Machtverlust“

Dieser Immobilismus brüskierte und erschütterte keineswegs nur ungeduldige Westler, sondern vor allem auch das gesamte Business-Establishment Südafrikas. Die Handelskammer der Afrikaaner und die Industriekammer der Anglos kritisierten laut und deutlich, daß Botha „die Nation nicht konkreter und positiver in Richtung Reform und Wiederaufbau“ führe. Über Nacht stürzten Rand-Währung und Goldminenaktien in die Tiefe. Mit der Überschrift „Es ist an der Zeit, daß Sie gehen, P.W.“, rief die renommierte Wirtschaftszeitung Business Day zum Rücktritt des Präsidenten auf.

Doch der 69jährige P. W. Botha handelt nicht im luftleeren Raum. Er ist zu allererst ein Politiker, der seiner „Nationalen Partei“ (NP) seit dem 18. Lebensjahr treu gedient hat. „Er denkt primär an seine konservativen weißen Wähler im Transvaal, die sind sein Maßstab“, sagt der Politwissenschaftler Deon Fourie von der Pretoria-Universität. Für den Professor ist Botha ein „mutiger Mann, der seiner Partei, was Apartheid-Reformen betrifft, weit voraus ist, dies aber nicht zuzugeben wagt“, vor allem nicht in der Saison der regionalen Parteikongresse. „Dies ist die Zeit, in der Botha seine Parteischafe zusammenhalten und Risse zupflastern muß, die Zeit des kleinsten gemeinsamen Nenners“, meint Fourie. „Eine Periode der Konsolidierung, die bis November dauert“, wie der junge und dynamische Fanie Cloete, Direktor der Studiengruppe für Verfassungsreformen zu Protokoll gibt; im Oktober stehen Nachwahlen für die weiße Parlamentskammer bevor.

Parteipolitische Zwänge verstricken sich freilich in der Person Bothas untrennbar mit den drei Jahrhunderte alten, selbst geknüpften Fesseln weißen Afrikaanertums. Die NP versteht sich noch immer nicht als bloße Partei. Sie betrachtet sich weiterhin als „Volksbewegung“ des von Gott auserwählten und von Gott mit dem südafrikanischen Land beschenkten Afrikaaner-Stammes. So steht es in der Präambel der Verfassung geschrieben.